Wenn die Lichter ausgehen

Erika Mann, Ernst-Georg Richter


Von der Welt im Stich gelassen muss sich Erika Mann gefühlt haben, als sie vor den Nazis flüchtete und in ihren Exilländern mehr geduldet als willkommen war. Um so mehr, als sich im Ausland offenbar niemand für die Zustände in Hitlers Reich interessierte. Neben ihrem Bruder Klaus zählt die vormals politisch völlig naive Rennfahrerin, Kabarettistin und Lebefrau zu den aktivsten antifaschistischen Aufklärern der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die Frage sei erlaubt, warum eine ihrer wichtigsten Warnschriften erst sechzig Jahre nach der Befreiung erstmals auf Deutsch erschienen ist. Die Antwort ist rasch gefunden. "Wenn die Lichter ausgehen", eine Sammlung von halbdokumentarischen Reportagen, hatte sich in dem Moment, als Hitler zur Vergangenheit geworden war, von tagesaktueller Propaganda in ein historisches Dokument verwandelt. Erika Mann schrieb die zehn Impressionen aus der Alltagsnormalität unter dem braunen Terror 1939 speziell für ein amerikanisches und britisches Publikum: mit dem klaren Ziel, dort gegen die Nazis zu mobilisieren. Es leuchtet ein, dass sie dazu die "wahren" Erlebnisse einer jungen Frau, der eine Abtreibung unterstellt wird, oder eines nationaldeutschen Schriftstellers, dem die Gesinnungsgenossen die Existenz rauben, zwecks agitativer Wirkung einfärben musste. Das schmälert heute den Lesewert. Denn es gibt Bücherregale voll Innenansichten des Dritten Reichs, die objektiver und informativer wirken. Faszinierend ist das Buch nur als bislang fehlender Teil im Werk der 1905 geborenen Tochter von Thomas Mann, die neben ihrem Bruder Klaus, zu dem sie ein nahezu inzestuöses Verhältnis hatte, das Psychotische ihrer Familie personifiziert.

In seiner Geschwisterbiografie "Klaus und Erika Mann" konzentriert sich Armin Strohmeyer auf das Private zweier Personen, die sich nur in der Öffentlichkeit geborgen fühlten. Obwohl sich der Berliner Publizist für Unterhaltsamkeit und damit gegen Tiefe entschieden hat, ist sein Buch ein passabler Einstieg in zwei von Drogen, Sex, Depression, Tabubruch, suchthafter Extrovertiertheit und einer daraus resultierenden eigenwilligen intellektuellen Schärfe geprägte Autorenleben.

Martin Droschke in FALTER 8/2005



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