Das Floß der Medusa

Franz Zobel


Erfrischender Mut zur Pointenlosigkeit

Mit „Das Floß der Medusa“ könnte Franzobel seine literarische Laufbahn wieder auf Kurs bringen

Es begann vielversprechend. 1995 gewann Franzobel mit dem sprachspielerisch-musikalischen Text „Die Krautflut“ den Bachmann-Preis. Später entwickelte er sich in Richtung Kraut und Rüben und verfasste zuletzt am laufenden Band löwingeresk verblödelte Theaterstücke, Groschenroman-Krimis, dazwischen aber auch durchaus ambitionierte Wälzer, etwa den Roman „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“ (2012), bei dem Kritiker Karl Duffek „sprachlichen Overkill (…), der trotz punktueller Virtuosität auf Dauer ermüdet“ diagnostizierte.
Franzobels vielleicht größtes Problem ist, dass sich sein Hang zum Derben und zur Zote im Lauf der Zeit zu einem veritablen Zwang ausgewachsen hat und seine literarischen Fähigkeiten zu überschatten droht. Beim neuen Roman „Das Floß der Medusa“, für den sich der Schnellschreiber ungewöhnlich viel Zeit ließ, scheint er sich deshalb selbst Schmähverbot verordnet zu haben. Eine Nebenfigur zeichnet sich zwar dadurch aus, dass sie in jeder Situation Witze erzählt. Der Witz an der Sache ist jedoch, dass ihre genervten Zuhörer sie stets unterbrechen, bevor es zur Pointe kommt.

Der Roman teilt sich Titel und Thema mit dem berühmten Gemälde von Théodore Géricault (1791–1824), das an ein unrühmliches Kapitel in der französischen Seefahrt erinnert: 1816 war das Schiff Medusa am Weg in die westafrikanische Kolonie Senegal, die England kurz zuvor an Frankreich zurückgegeben hatte, auf eine Sandbank aufgelaufen. Weil es in den Rettungsbooten zu wenig Platz für die 400 Personen an Bord – darunter der neue Gouverneur des Senegal – gab, wurden 147 davon – die Mannschaft sowie die weniger hochrangigen Passagiere – auf ein hastig zusammengezimmertes Floß verfrachtet.
Die Boote sollten es an Land ziehen, die Seile wurden allerdings bald gekappt. Für die Havarie verantwortlich zeichnete, ohne je Reue zu zeigen, Hugues Duroy de Chaumareys, eine Art Francesco Schettino seiner Zeit. Er war als treuer Royalist mit dem Kapitänsposten belohnt worden, obwohl er von der Schifffahrt so gut wie keinen Tau hatte.
Als das manövrierunfähige Floß zwei Wochen später schließlich gefunden wurde, waren noch 15 von 147 am Leben. Auch sie hatten es nur geschafft, weil sie nach dem raschen Aufbrauchen der Vorräte an Zwieback zu Kannibalen geworden waren. Manche Menschen auf dem Floß waren aus Hunger verendet und dann aufgefressen worden, andere wurden bewusst abgeschlachtet. Als letztes Mittel gegen das Verdursten wiederum diente Eigenurin.

Franzobel setzt den Stoff, der auch schon Julian Barnes und Peter Weiss beschäftigt hat, als düsteren Abenteuerroman um. Das Geschehen kreist untergründig um die Frage, was den Menschen ausmacht und was es braucht, damit er alles Menschliche verliert. Der allwissende Erzähler stößt den Leser aber nicht mit der Nase auf die offensichtlichen Parallelen zu den heutigen Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer und verliert sich auch nicht in Exkursen oder erzähltheoretischen Reflexionen.
Er achtet einfach darauf, die Handlung, die von ein bisschen Sex bis ganz viel Crime alles hat, was ein fesselnder Plot braucht, voranzutreiben und seine Geschichte nicht selbst auf eine Sandbank zu steuern. Franzobel gelingt dabei eine Reihe denkwürdiger Figuren, die man sich länger merken wird: etwa der Jugendliche aus gutem Haus, den naive Abenteuerlust auf die Medusa geführt hat und der sich nach Startschwierigkeiten als erstaunlich zäh erweist; oder der Rationalität und den Geist der Wissenschaft verkörpernde Schiffsarzt, der sich irgendwann entscheiden muss, ob er weiter seinen Prinzipien treu bleiben (und sterben) oder auch vom Menschenfleisch essen soll.
Manche Länge sieht man dem Autor gern nach. Am Ende steuert er das Ding sicher in den Hafen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 4/2017



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×