Heul doch!

Melanie Arns


In "Heul doch!" beschreibt Melanie Arns die Leiden eines Teenagers in der deutschen Provinz. Dabei lügt sie wie gedruckt.

Das ist ja nun wieder mal ein wirklich flottes Stück junger Literatur: Die Autorin heißt Melanie Arns, wurde 1980 in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen geboren, hat ihre kaufmännische Lehre abgebrochen, um am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (unter anderem bei Josef Haslinger und Herta Müller) zu studieren, und legt mit ihrem Debüt "Heul doch!" jetzt einen kurzen, aber intensiven Text vor, in dem die Erwachsenenwelt ihr Fett abbekommt. Wohin der Hase läuft, wird schon im ersten Satz des rasanten Textes deutlich; die Erzählerin schlägt die Augen auf und sieht die Eltern sogleich in der peinlichsten aller möglichen Situationen: "Mittwochs Sex: Vater pfeift, Mutter springt, er stöhnt, ich kotze."

Daran, dass es genau so ist, wie in diesem ersten Satz beschrieben, ändern die restlichen Sätze des schmalen Buches nichts mehr. Die bundesdeutsche Provinz und die an diese mustergültig eingepasste Familie (Bruder tot, Oma im Sterben) werden als eine einzige Heimsuchung erlebt. Dass die Erzählerin nach einem schweren Unfall ein Glasauge trägt, ständig aufs Klo rennt, um sich zu übergeben, und schon nach wenigen Buchseiten auch noch behauptet, Aids zu haben, macht die Sache für den Leser nicht eben erträglicher. Doch halt: Zumindest die HIV-Sache war dann wohl doch nicht ganz ernst gemeint. "Bevor ich's vergesse: Ich habe gar kein Aids. Wer mir glaubt, ist selber schuld." Wer's glaubt, ist selber schuld, wer's aber nicht glaubt, geht an der Substanz des Textes vorbei - so lautet das schöne Paradox, das die Autorin mit ihren Verwirrspielen eröffnet. Und tatsächlich funktioniert die Sache: Schon ertappt man sich dabei, wie man nachsieht, ob auf dem Autorinnenfoto tatsächlich ein Glasauge zu erkennen ist, und das scheint auch wirklich der Fall zu sein, andererseits lässt der Aufnahmewinkel dann doch keine zweifelsfreie Prüfung zu.

Als einen schrägen Blick auf sich selbst könnte man das literarische Unterfangen von Arns insgesamt bezeichnen. Die verbalen Rundumschläge gegen Familie, Schule und Heimatstadt produzieren zwar einige heftige Haken ins Leere, aber doch auch schöne Einzeltreffer.

Der Protest gegen die Verhältnisse gleitet an den Verhältnissen ab. Einmal versucht es die Icherzählerin in der Schule damit, anstatt der geforderten Sonne einen Kuhfladen zu Papier zu bringen. Worauf der Lehrer die Zeichnung der Klasse als ein besonders gelungenes Beispiel einer freien Interpretation vor Augen hält. Die Rebellion wird padägogisiert und mit einem "Pseudorespekt" bedacht, der aufseiten der Rebellierenden für zusätzliche Übelkeit sorgt; den "pseudofreundschaftlichen" Klaps auf den Rücken, der die Szene beendet, erlebt sie als finalen Stich ins Mark.

Die Geschichten, welche die Erzählerin zu ihrer eigentlichen Geschichte dazuerfindet, richten sich wohl nicht zuletzt gegen die Vereinnahmungsversuche der Erwachsenenwelt - ein Spiel mit Dichtung und Wahrheit, das ihr ganz offensichtlich eine diebische Freude macht: So lässt sie etwa jenen jungen Türken sterben, den sie sich gegen den Willen ihrer Eltern zum Liebhaber genommen hat; wenig später taucht der Bursche dann wieder völlig unversehrt auf. Ähnlich verhält es sich möglicherweise mit dem Vorwurf der sexuellen Misshandlung, den sie am Ende des Buches gegen ihren Vater erhebt. Die Mutter freilich will da schon längst nicht mehr mitspielen und wirft die Tochter kurzerhand aus dem Haus - ein Schluss, den man sich wohl als Happy End vorstellen muss.

Klaus Kastberger in FALTER 7/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×