Cox. oder Der Lauf der Zeit Roman

Christoph Ransmayr


Wem das Ührchen tickt

Christoph Ransmayrs historischer Roman „Cox“ entpuppt sich als feinsäuberlich lackierte Chinoiserie mit Erklärungsnotstand

Alister Cox hat es nie gegeben, erklärt Christoph Ransmayr am Ende seines Romans, wohl aber einen Londoner Uhr- und Automatenmacher namens James Cox, der, freilich anders als Alister, nie in China war. Wie der historische Cox ist auch sein erfundener Vetter umgetrieben von der Idee einer unendlichen Uhr oder „Perpetual Motion“, wie James Cox sie nannte.
Eine Uhr, die Energie aus dem Nichts erzeugt und damit allen Naturgesetzen Hohn spricht: Dieses Projekt ist gerade verrückt genug für Qiánlóng, den gottgleichen Kaiser von China, der sich bescheidenerweise als „Herr der zehntausend Jahre“ titulieren lässt, aber doch eigentlich die Herrschaft über alle Zeiten und noch mehr über das Phänomen Zeit an sich anstrebt. Also lädt er, der erfundene, nicht der historische Kaiser gleichen Namens, im Jahre 1753 den Uhrmacher aus London zusammen mit einigen Assistenten an den Kaiserhof nach Beijing ein, auf dass dieser ihm die absolute Uhr baue.
„Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln, am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ“, so lautet der erste Satz des Romans. Ausgeklügelte Foltertechniken und aparte Todesarten spielen keine geringe Rolle in diesem, und man weiß nie recht, ob dies nun an der chinesischen Kultur selbst liegt oder an Ransmayrs Art, sie zu beobachten.

Fest steht: man braucht als Erzähler gar nicht groß zu inszenieren und zu schwelgen, wenn schon die vorgefundene Wirklichkeit an Opulenz und Fantastik kaum zu überbieten ist. 41 Ehefrauen und mehr als 3000 Konkubinen hatte der reale Qiánlóng, berichtet der Autor, dessen Realismus also nicht erst durch eigene Einbildungen fantastisch wird. Dennoch ist hier alles erfunden, nur eben sehr genau und getreu, zumindest was Fragen der chinesischen Hofhaltung und solche der Konstruktion von Uhren angeht.
Als wäre dieser Stoff immer noch zu trocken, werden der Handlung noch ein paar dekorative Elemente hinzugefügt. Der Uhrmacher aus London trägt schwer am Tod seiner kleinen Tochter, nach dem seine Frau in tiefes Schweigen verfallen ist. Im kaiserlichen Dienst kreuzen sich nun seine Wege rätselhaft und wiederholt mit denen einer zauberhaften Konkubine, „die fernste Schönheit, die je in sein Blickfeld geraten war, hell, leuchtend, unerreichbar“. Wird sie ihn von seinem Gram erlösen, und wie? „Erinnerte sich diese feenhafte Schönheit an ihre Begegnung an einem Herbsttag in der Mitte des Großen Kanals?“

Christoph Ransmayr wird ja oft für seine imaginative Erzählkunst gelobt und für seine Gabe, fremde Welten regelrecht zu animieren. Das gelingt ihm auch in diesem Roman immer wieder gut, aber dann fehlt den formvollendeten Tableaus doch auch wieder etwas ganz Entscheidendes. Vielleicht das Leben selbst. Als sei diese ganze Chinawelt mit einer dünnen, aber schön glänzenden chinesischen Lackschicht („aus Rindensekret“ würde ein Erzähler von Ransmayrs Art sicher hinzufügen) überzogen und deshalb am Atmen gehindert.
So mischen sich bei der Lektüre dieser Chinoiserie die Bewunderung für die erzählerische Perfektion und ein gewisser Überdruss an zu viel Lack. Hinzu kommt, dass die zentrale Problematik des Romans, nämlich die der Uhr, die den „Lauf der Zeit“ abbildet, stark im Dunst verbleibt. Man versteht, dass der Kaiser von China, wie überhaupt die chinesische Kultur jener Epoche, ein starkes Interesse an abendländischen Chronometern hat. Es leuchtet auch ein, dass der Kaiser im Vollzug seiner Allmachtsansprüche die Naturgesetze überlisten will. Ein Perpetuum mobile wäre der Beweis, dass die Herrschaft des Kaisers von China als ein „vollkommen geschlossenes System“, wie es heißt, in der physikalischen Welt existieren kann.

Schwerer fällt es schon, die kaiserlichen Gedanken über Uhren nachzuvollziehen, die das subjektive Zeitempfinden messen sollen. Die Zeit eines Kindes vergeht vielleicht langsamer als die eines Hinrichtungskandidaten in der Todeszelle. Wir erleben den Stillstand und das Rasen der Zeit, während die physikalische, anders als die innere Uhr, immer den gleichen Takt schlägt. Qiánlóng möchte, dass Cox für ihn Uhren konstruiert, die sich gegenüber der inneren, gefühlten Zeit realistisch verhalten, aber man versteht nicht wirklich, was er damit meint. Entsprechend fantastisch und surreal, aber selten voll funktionstüchtig fallen Cox’ Maschinen dann auch aus – und natürlich kann es auch mit dem Perpetuum mobile nichts werden.
Zur Klärung der Rolle der inneren Zeit hätte Ransmayr und dem Kaiser von China die Psychologie wohl mehr Aufschluss geben können als die Ingenieurskunst. Und so verliert sich der erzählerische Hauptstrang des Romans in den sandigen Gewässern, aus denen Cox am Ende des Romans nach mannigfachen Abenteuern dem offenen Meer entgegensegelt.

Christoph Bartmann in FALTER 47/2016



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