Ein perfekter Kellner

Alain Claude Sulzer


Wie glaubhaft Sulzers Bild des Nobelpreisträgers ist, lässt der Kulturhistoriker Reinhard Pabst in einer detailbesessenen Spurensuche zu "Thomas Mann in Venedig" durchblicken. Anhand von Fotos um das Jahr 1911, als sich der Urlauber in den elfjährigen Tazio alias Wladyslaw Moes verliebte, und entlang der Schauplätze des "Tod in Venedig" lädt das Buch zu einem Spaziergang durch das damalige Mekka homosexueller Sextouristen ein. In kleinen, kongenial illustrierten Anekdoten läuft man dem Großdichter hinterher, um nachzuprüfen, wo genau sich dieser an die Fersen des polnischen Knaben geheftet hatte; und welche Künstlerfreunde derselben Leidenschaft wegen in die Lagune reisten. Auf den verstörenden Nachweis, dass der berühmteste pädophile Schmöker der Weltliteratur bei weitem näher an der Dichterbiografie ist als angenommen, folgt die Beschreibung eines Infernos: Pabst führt mitten hinein in die Choleraepidemie von 1911, an der sich die Figur Gustav Aschenbachs den Tod holen sollte.Nebel liegt um Thomas Manns homosexuelle Neigung. Blieb sie unerfüllt - der Fantasie anheim gestellt? Oder war da mehr als die Biografen wissen?

Ja, behauptet der Schweizer Alain Claude Sulzer in seinem Schlüsselroman "Ein perfekter Kellner", der die mondäne Welt der Grand Hotels neu erstehen lässt, vor allem aber einem kleinen Angestellten ein Denkmal setzt - stellvertretend für alle vergessenen Helden der noch verbotenen Männerliebe. Erneste teilt sich mit einer Saisonkraft heimlich das Bett und das Glück, als 1936 der berühmte deutsche Schriftsteller Klinger in ihrer Nobelherberge in den Alpen Quartier nimmt. Der smarte Stubengenosse ist die einzige große Liebe in seinem tristen Leben. Doch Klinger wird ihn sich kaufen und als Privatsekretär und Gespielen mit ins Exil in die USA nehmen. Dreißig Jahre muss Erneste warten, dann bekommt er endlich die Gelegenheit, mit dem vermögenden Dichter abzurechnen. Sulzer hat seine Geschichte eines entbehrungsreichen und doch in Würde ertragenen Wegs eines Kleinverdieners durchs Jammertal homophober Zeiten spannend wie einen Krimi arrangiert.

Martin Droschke in FALTER 6/2005



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