Keine Angst vor neuen Tönen. Eine Reise in die Welt der Musik

Ingo Metzmacher


Ingo Metzmacher und Christiane Tewinkel geben Nachhilfeunterricht in Sachen klassischer Musik: inklusive Praxis und Klassenkasperl.

Musik ist eine großartige Sache, da sind der Dirigent Ingo Metzmacher und die Journalistin Christiane Tewinkel ganz einer Meinung. Auch darin, dass viele der großartigsten Musiken aller Zeiten aus dem Bereich der sogenannten Klassik stammen, sind sie sich einig. Weil aber Wissen und Vorurteile über die komponierte Musik und ihre Aufführungsbedingungen bei vielen in einem ungünstigen Verhältnis zueinander stehen, haben die beiden Bücher geschrieben, die Abhilfe schaffen sollen.

"Keine Angst vor neuen Tönen", heißt jenes von Metzmacher. Untertitel: "Eine Reise in die Welt der Musik". Wer den Hamburger Generalmusikdirektor und designierten Chef der Nederlandse Opera in Amsterdam ein bisschen kennt, wird ahnen, dass damit nur die Musik der letzten einhundert Jahre gemeint sein kann, über die ja noch viel weniger gewusst, dafür aber umso mehr vorgeurteilt wird. Metzmacher wählt den Weg der Praxis: Er hat elf wichtige Komponisten der jüngeren Vergangenheit ausgewählt, von denen einer, Karlheinz Stockhausen, sogar noch lebt.

Anhand zentraler Aspekte ihrer Arbeiten erläutert Metzmacher als erfahrener Interpret, worum es in der Musik des 20. Jahrhunderts eigentlich geht: Charles Ives etwa steht für das Bemühen, Klänge und Geräusche des Alltags einzubeziehen, Claude Debussy für die Emanzipation der Klangfarbe; Arnold Schönberg darf als Überwinder der Tonalität ebenso wenig fehlen wie John Cage für seinen radikalen Neuansatz im musikalischen Denken; Luigi Nono steht für den politischen Anspruch der Tonkunst und der noch immer unterschätzte Karl Amadeus Hartmann, Metzmachers erklärter Lieblingskomponist, dafür, dass "jede große Musik auch Bekenntnis" sei.

Das alles leitet Metzmacher aus konkreten Musikbeispielen her, in einer leicht verständlichen, bilderreichen Sprache, die ihm manchmal ein bisschen zu naiv gerät, aber stets von ansteckendem Enthusiasmus für die Sache getragen wird. Darunter mischt er geschickt einige Betrachtungen zu allgemeineren, vertiefenden Themen wie "Zeit", "Geräusch", "Stille" oder "Spiel", ein bisschen Theorie, ein paar Anleitungen zu ebenso einfachen wie eindrucksvollen Experimenten und sogar ein wenig Biografisches. Wer solcherart bestens vorbereitet keine Lust kriegt, in ein paar Klassiker der Moderne zumindest hineinzuhören, dem ist sowieso nicht zu helfen. Wie Metzmacher schreibt: "Ausprobieren!"

Christiane Tewinkel ist Musikwissenschaftlerin und Journalistin (FAZ, taz), im Unterschied zu Metzmacher also eine Frau der Theorie. Diesen Umstand, der in Musikerkreisen schon mal gern als Makel ausgelegt wird, nutzt sie zu ihrem Vorteil: Sie stellt Fragen. "Bin ich normal, wenn ich mich im Konzert langweile?", heißt es gleich im Titel. Und: "Warum sind klassische Musikstücke so lang?", "Muss ich die Sonatenhauptsatzform hören?", "Was finden die Leute an der Oper?" oder "Könnte man nicht statt eines Dirigenten ein Metronom vors Orchester stellen?".

Tewinkels Antworten fallen freilich nicht so naiv aus, wie es die insgesamt 24 Fragen vermuten ließen. In einem manchmal etwas eigenwillig verplapperten, insgesamt aber unterhaltsamen Stil versucht sie, unberechtigten Argwohn gegen die vermeintliche Sperrigkeit der Klassik durch pragmatische Information zu entkräften, ohne dabei sinnlos gewordene Konventionen des Konzert- und Opernbetriebs zu verteidigen. Im Gegenteil. Unterm Strich kommt dabei so etwas wie ein auch für Laien ziemlich gut verständlicher Grundkurs in Musiktheorie heraus. Und dem fehlt, in Form der zahlreichen Illustrationen von Rattelschneck, nicht einmal der Klassenkasperl.

Carsten Fastner in FALTER 6/2005



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