Der Schwarm

Frank Schätzing


Michael Crichton und Frank Schätzing haben für ihre Ökothriller jahrelang zur Klimaforschung recherchiert. Gewiss nicht zum Schaden der Leser.

Soll noch einer sagen, dass Literatur nicht Leben retten kann. Ein deutscher Tourist in Thailand jedenfalls wusste die rätselhafte Welle am Morgen des 26. Dezember richtig zu deuten und flüchtete rechtzeitig ins Hinterland - weil er den Roman "Der Schwarm" aufmerksam gelesen hatte. Im tausendseitigen Ökothriller wird nämlich in aller Anschaulichkeit beschrieben, wie ein riesiger Tsunami nach dem typischen Verlauf die norwegische Küste heimsucht. Frank Schätzing, der Autor des deutschen Belletristikbestsellers 2004, avancierte in den deutschen Medien prompt zum Experten, was den Absatz des Weltuntergangsschmökers noch einmal ordentlich ankurbelte: Mittlerweile wurde "Der Schwarm" 450.000-mal verkauft, das Buch findet sich mit Verspätung seit kurzem auch in den österreichischen Bestsellerlisten.

Frank Schätzing ist aber nicht der einzige Schriftsteller, der prophetisches Gespür für die große Welle zeigte. Auch Michael Crichton lässt in seinem jüngsten Werk "Welt in Angst" die ansonsten eher seichte Geschichte auf einen künstlich erzeugten Tsunami zulaufen. Und er tritt sie gleich einmal mit dem Tod eines jungen Tsunamiforschers in Paris los: Der wird von einer attraktiven Frau verführt, vergiftet und in die Seine geworfen. Das weibliche Romanpersonal ist bei Crichton im Übrigen ausnahmslos attraktiv, während die "guten" Männer - im Gegensatz zum leptosomen Bösen - kräftig sind, "mit massigen Schultern und athletischem Brustkorb". So wie John Kenner, ein Geheimagent und karenzierter MIT-Professor für Risikoforschung, der hinter einer schier unglaublichen Verschwörung her ist.

Kenner ist einer radikalen Umweltschutzorganisation namens NERF auf der Spur, die gewalttätige Ökoterroristen dabei unterstützt, Naturkatastrophen willentlich auszulösen, um damit die Öffentlichkeit für die Klimaproblematik zu erwärmen. Gemeinsam mit einer Handvoll "Guter" - darunter einem Milliardär, der NERF bislang großzügig gefördert hat - versucht er also, die Absprengung eines riesigen Eisberges in der Antarktis ebenso zu verhindern wie ein durch künstliche Blitze verstärktes Unwetter, das Hunderte Menschen in einer Schlammflut begraben soll. Schließlich steuert alles auf den großen Showdown vor den Salomoneninseln hin, von wo durch ein Seebeben ein Tsunami auf die Küste der USA losgeschickt werden soll.

Dazwischen blieb viel Platz für Diskussionen über die Erkenntnisse der Klimaforschung und einige infrage gestellte Dogmen der Umweltschutzbewegung wie eben das der globalen Erwärmung. Allenthalben herrscht Skepsis vor, so wie in einer Rede des ökologisch engagierten Milliardärs: "Wisst ihr eigentlich, meine Freunde, dass wir mehr über den Mond wissen als über die Ozeane der Erde? Das ist ein echtes Umweltproblem, über das niemand spricht."

"Wisst ihr eigentlich, meine Freunde, dass wir mehr über den Mond wissen als über die Ozeane der Erde? Das ist ein echtes Umweltproblem, über das niemand spricht."

Dieses Zitat könnte auch das Motto für Schätzings fetten Bestseller sein, dessen ökologische Botschaft jener Crichtons allerdings diametral gegenübersteht. Ansonsten haben die beiden Ökothriller mehr gemein, als ihnen womöglich lieb ist - einmal abgesehen davon, dass sie alles andere als Weltliteratur sind.

Weltliteratur ist "Der Schwarm" allenfalls dadurch, dass seine Schauplätze wie bei "Welt in Angst" rund um den Globus verteilt sind - schließlich muss eben der gerettet werden. Einleitend verschwindet ein peruanischer Fischer, vor Kanada beginnen die Meeressäuger verrückt zu spielen, rätselhafte Muschelkolonien behindern Hochseeschiffe und genetisch mutierte Meereswürmer die norwegische Ölindustrie. Eine nicht ganz so klischeehafte Truppe von Wissenschaftlern geht den rätselhaften Phänomenen nach und kommt nach rund 500 Seiten zum Schluss, dass irgendeine Art von submariner Intelligenz diese schier biblischen Katastrophen geplant und ausgelöst hat, um sich gegen die Zerstörung ihres Lebensraums zur Wehr zu setzen. Bleiben 500 Seiten, um mit den YRR - wie das rätselhafte Wesen genannt wird - irgendwie ins Reine zu kommen.

Bei Schätzing lässt sich besser nachlesen, wofür sonst der Megasellerautor Crichton mit seinen hundert Millionen verkauften Exemplaren steht: Sowohl der deutsche Newcomer wie auch der US-Routinier haben Romane vorgelegt, die nachgerade auf eine Verfilmung hingeschrieben sind. Wenn die Selbstverknechtung der Literatur unter das Primat von Hollywood gewiss nicht zur sprachlichen Qualität der Bücher beiträgt, so doch zu ihrem Unterhaltungswert. Spannung kommt zumindest phasenweise hier wie dort auf - auch wenn bei Crichton der Plot diesmal um einiges fadenscheiniger gestrickt ist und bei ihm die Aufregung über seine ökologischen Unkorrektheiten überwiegt.

Schätzing und Crichton verbindet aber auch die jahrelange Recherche in der aktuellen Forschung, deren Erkenntnisse dann großzügig in die etwas lang geratenen Bücher gekippt werden. Das ist gewiss nicht zum Schaden der Leser, die nicht nur allerhand über Meereswürmer, Methaneisvorkommen oder die Tücken der Klimamessung erfahren, sondern auch über die komplexen Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Und eben über Tsunamis.

Klaus Taschwer in FALTER 6/2005



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