Capitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers

Oliver Jens Schmitt


Der Faschist, der Führer und Heiland zugleich sein wollte

Eine gründliche Biografie über den rumänischen Faschistenführer Corneliu Zelea Codreanu zeigt ihn als Nationalsozialisten reinster Form

Göring oder Goebbels? Was schlimmer beziehungsweise noch eher erträglich ist, von einem zynischen Machtmenschen oder von einem fanatischen Ideologen regiert zu werden, war schon zu Lebzeiten der beiden Nazi-Größen ein beliebtes Thema. Eine Antwort gab es nicht. Es gab ihn aber, den „reinen Nazi“, wenn nicht in Deutschland, so doch in Rumänien. Er hieß Corneliu Zelea Codreanu und war zu Lebzeiten europaweit bekannt. Der Wiener Südosteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt hat dem charismatischen Führer eine erhellende Biografie gewidmet. Codreanus zwangsläufiges Scheitern, wie Schmitt es beschreibt, wirft auf den Faschismus, nicht nur den rumänischen, ein neues Licht.
Um Faszination zu erregen, brauchte der hochgewachsene Asket mit den grünen Augen und den tiefen Kummerfalten keine perfekten Reichsparteitage und Brüllreden. Lieber übte er sich in einem Schweigen, das alle für beredt hielten und mit ihren Projektionen füllten. Seine ordensähnliche „Legion des Erzengels Michael“ bediente die Knabenträume von Reinheit, Erwähltheit und Heldentum auf das Vortrefflichste. Es genügte, wenn der „Capitan“ auf einem Schimmel in moldauische Dörfer einritt, sich tief zu den Bäuerlein herabbeugte und dunkle Segensworte sprach. Dass er höchstpersönlich im Alter von 25 Jahren einen Polizeipräfekten erschossen hatte, verschaffte ihm den Nimbus des Tatmenschen.

Geboren 1899 in Jassy, der Hauptstadt von Moldau, ließ Corneliu in Kindheit und Jugend keine besonderen Talente erkennen. Die Ideologie hatte er geerbt; schon Vater Ion, ein Deutschlehrer, brachte es als rasender Nationalist und Judenhasser zu regionaler Bekanntheit. Anders als Hitler und Stalin, die sich als selbsterschaffene Figuren stilisierten, präsentierte der junge Codreanu gern seine Familie und war so für das patriarchalische Landvolk anschlussfähig. Der Kult mit der Herkunft erwies sich, wie so oft, als tückisch: Gerade als Corneliu Codreanu auf dem Zenit seines Ansehens stand, kam heraus, dass der hyperrumänische Vater aus einer polnischen und einer deutschen Familie stammte.
Mit der „Legion“, mit seiner „Eisernen Garde“, einer Art SA, und seiner Partei namens „Alles für das Vaterland“ zielte Codreanu in eine aufgewühlte Nation. Rumänien war nach dem Ersten Weltkrieg unversehens auf das Doppelte angewachsen und zu einem Vielvölkerstaat geworden. Das Gefälle zwischen dem Bojarenadel in Bukarest, dem „Klein-Paris“, und dem verelendeten Landvolk hätte größer kaum sein können.

An die Macht schaffte Codreanu es nicht, und das lag an der widersprüchlichen Doppelrolle als Führer und als Erzieher der Nation, die er anstrebte. Aus dem „fanatischen Gewaltaktivisten“ der frühen Jahre, so sein Biograf Schmitt, wurde mit der Zeit ein Zauderer. Ideologisch war Codreanu trotz seiner christlich-orthodoxen Ikonografie zwar ein Faschist reinsten Wassers und pflegte Rassismus ebenso wie politischen Hass, düstere Transzendenz, Führerkult und sogar das Hakenkreuz. Aber er glaubte ehrlich an seine Sendung. Führer und Heiland: Beides zusammen geht nicht. Siegen kann ein Heiland erst im Tod. Erst muss er ans Kreuz.
Codreanus – oft nicht weniger antisemitisch und faschistisch gesinnten – Widersachern waren solche Hemmungen fremd. Am Ende, 1938, ließen der König und sein Ministerpräsident den skrupulösen Rebellen ermorden. Dann aber kamen seine Legionäre, zwei Jahre nach dem Tod ihres Capitan, schließlich doch noch an die Macht und brauchten nur wenige Monate, um die Ideologie ihres Führers restlos zu entzaubern. Ohne das Terror-Intermezzo der Legionärsherrschaft wäre Codreanu in der Rückschau wohl zu einer Christus-ähnlichen Figur geworden.
Rumänien ist, als siebtgrößtes Mitgliedsland der Europäischen Union, in Mitteleuropa wenig bekannt. An der Geschichte des Kontinents, nicht nur an deren fatalen Abschnitten, hat es regen Anteil. Die Ideologie der rumänischen Legion steht im Urteil der Historiker eigenständig neben dem deutschen Nationalsozialismus und dem italienischen Faschismus, was manche Autoren zu einem perversen Stolz verleitet hat. Auch wer von Rumänien nichts weiß, kann in Schmitts Buch etwas über den Faschismus lernen. Ohne Arbeit geht das allerdings nicht ab. Das Buch ist gut geschrieben, hat seinen roten Faden, ist aber kein politischer Essay. Über weite Strecken gibt der Autor nach gründlichem Quellenstudium doch der Wiedergabe bislang unbeschriebener Details den Vorzug vor der Analyse.

Norbert Mappes-Niediek in FALTER 37/2016



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