Tram 83

Fiston Mwanza Mujila


„Kongo ist kein Land, sondern eine Utopie“

Fiston Mwanza Mujila, in Österreich lebender Kongolese, beeindruckt mit seinem ersten Roman „Tram 83“

Menschen aller Börsen der Welt stürmten die Hauptstadt von Stadtland, die kleinste Hauptstadt der Welt, die lediglich aus einer Bar, dem berühmten Tram 83, und dem Bahnhof bestand, dessen halbfertiges Metallgerüst an Henry Morton Stanley erinnerte.“ Dieses Tram 83 ist eine Welt für sich. In dem Lokal wird jede Nacht den wundersamsten Jazzcombos gelauscht, gesoffen und dazwischen auf den Toiletten gefickt, als würde es kein Morgen geben.
Hier findet alles zusammen: War­lords, Waffenhändler, Zuhälter, Grubenarbeiter, Hobbyphilosophen, Schuhputzer, Archäologen, Soldatenwitwen, Prostituierte und nicht zuletzt erlebnishungrige Touristen. Vor dieser Kulisse lässt Fiston Mwanza Mujila zwei alte Freunde aufeinandertreffen: Lucien, der Dichter, ist ein unerschütterlicher Idealist, während Requiem mit Gaunereien reich zu werden versucht und auch nicht davor zurückschreckt, seinen Freund zu betrügen.

„Tram 83“ ist ein wilder, poetischer, grausiger, wunderschöner Roman und ein fast ideales Beispiel dafür, was Sigrid Löffler „neue Weltliteratur“ nennt – eine von hybriden Identitäten geprägte und von Migranten geschriebene Literatur. In der französischen Originalfassung bekam das Buch höchstes Lob und die englische Übersetzung war sogar für den renommierten Man Booker Prize nominiert. Jetzt erscheint der fulminante Debütroman des kongolesischen Lyrikers, Dramatikers und Prosaschriftstellers, der am liebsten einfach Fiston (französisch betont) genannt wird, auch auf Deutsch.
Für das Buch wie für seinen Verfasser geht damit eine lange Reise vorläufig zu Ende: „Ich bin im Süden des Kongo aufgewachsen, habe schon in Frankreich, Belgien und Deutschland gelebt. 2009 kam ich als Stadtschreiber nach Graz und bin geblieben. Ich bin sehr froh, den Roman nun auch hier zu haben, wo ich lebe.“
Als er an „Tram 83“ arbeitete, saß Fiston in der Steiermark und träumte in französischer Sprache von Afrika. „Es war wichtig, dieses Buch in Europa zu schreiben“, sagt er. „Im Kongo kann ich nicht arbeiten, dort herrscht nie Ruhe. Mit Abstand konnte ich außer­dem besser über Afrika nachdenken und fantasieren. Die Schauplätze sind mir ja sowieso bekannt.“ Mittlerweile, sagt er, habe er einen schizophrenen Blick auf Afrika: den eines Afrikaners und den eines Europäers.
Begriffe wie Exilschriftsteller oder Migrant lehnt er für sich ab: „Alle glauben, ich bin im Exil. Doch ich bin nicht geflüchtet. Ich habe keine politischen Probleme im Kongo und kann jederzeit hinfahren. Ich weiß auch, dass ich irgendwann wieder zurückgehen werde. Aber momentan leben wir nach vielen Kriegen wieder in einer Art Diktatur. Ich werde erst zurückkehren, wenn stabilere Verhältnisse herrschen.“

Geboren wurde Fiston vor 35 Jahren in Lubumbashi. Die Hauptstadt der rohstoffreichen Region Katanga wurde 1910 von den belgischen Kolonialherren gegründet und hat heute gut 1,6 Millionen Einwohner. Der Vater war Buchhändler und konnte fast alles bestellen, was sein Sohn lesen wollte. Bis in die 1980er-Jahre war die Familie wohlhabend, im Krieg hat sie fast alles verloren. „Man weiß im Kongo nie, was morgen sein wird und ob es überhaupt ein Morgen geben wird“, erklärt Fiston. „Die Leute leben deshalb ohne richtiges Zeitgefühl und sehr extrem. Sie begrüßen jeden neuen Tag wie ein neues Leben. Jeder Tag ist wie Weihnachten!“
In seinem Land herrsche eine regelrechte Kultur der Amnesie: „Wenn eine neue Regierung kommt, sagt sie, dass wir unsere Vergangenheit vergessen und einen neuen Kongo bauen müssen. Kongo ist kein Land, sondern eine Utopie. Es gibt keine Geschichtsschreibung, nur viele gegenteilige Erzählungen. Vielleicht braucht es Schriftsteller, um eine artifizielle Erinnerung zu bauen.“
Freilich gelten Schriftsteller im Kongo nicht viel. Wenn er auf Besuch ist, muss sich Fiston jedes Mal anhören, ein Egoist zu sein. „Die Leute sagen: ,Unser Land ist kaputt, wir brauchen Techniker und Mechaniker. Wie kannst du da Bücher schreiben?‘ Ansehen kann man nur erlangen, wenn man eine Biografie des Präsidenten schreibt. Dafür bekommt man auch gleich ein Haus oder ein Auto.“
Ursprünglich wollte Fiston Musiker werden. Bereits als Kind hatte es ihm der Jazz angetan, doch in seiner Stadt gab es keine Musikschule. So verlegte er sich darauf, seine Texte wie Musikstücke zu komponieren und zu schreiben, als würde er auf einem Saxofon spielen. Seinen Roman wiederum hat er wie ein Jazzkonzert strukturiert: Es enthält viele Soli und Improvisationen, aber auch einige Grundthemen und Momente, in denen alle Musiker zusammenspielen.
Jazz hat für ihn auch eine politische Dimension: „Die Menschen im Kongo haben 32 Jahre unter Mobuto gelebt, es war eine der längsten und schlimmsten Diktaturen. Ich dekons­truiere die Sprache und spiele mit ihr wie ein Jazzmusiker, weil Jazz für mich Freiheit bedeutet. In Südafrika haben Musiker wie Hugh Masakela gegen die Apartheid gekämpft und in Deutschland war Jazz in der Nazizeit verboten.“
Fiston ist zweisprachig aufgewachsen. Mit seinem Vater sprach er zu Hause Französisch, das im Kongo über ein hohes Prestige verfügt, seine Mutter bestand darauf, dass er mit ihr Suaheli spricht. In Graz kommt man mit beidem nicht sehr weit. Französisch bezeichnet Fiston mittlerweile als seine „innere Sprache“, in der er denkt und seine meisten Texte schreibt. Für Theaterprojekte hat er in den letzten Jahren auch schon Texte auf Deutsch verfasst. Er lacht. „Die Schauspieler haben mich oft korrigiert und gesagt: ,Fiston, dieses Wort verwendet man seit 200 Jahren nicht mehr.‘“
Den Umgang mit der neuen Sprache beschreibt er als Abenteuer: „Manchmal fühle ich mich wie im falschen Haus. Man benützt die Sachen nicht wie seine eigenen Sachen, man weiß auch nicht, wo alles liegt. Und man ist besonders vorsichtig, damit nichts kaputt wird. Im Französischen ist mir das egal. Da bin ich zu Hause und kann zerstören, was ich will.“

Als er vor sieben Jahren nach Österreich kam, war kein längerer Aufenthalt geplant. Mittlerweile kann er sich vorstellen, auch 20 Jahre hier zu leben. Was ihn gerade sehr beschäftigt, ist die Frage, wo er seine nächsten Bücher ansiedeln soll: „Es fühlt sich ein wenig seltsam an, in Österreich über den Kongo zu schreiben. Ich will nicht immer nur afrikanische Themen behandeln. Ich glaube, meine nächsten Bücher sollten davon handeln, was in Österreich passiert.“
An die im deutschsprachigen Raum typischen Wasserglas-Lesungen muss er sich allerdings noch gewöhnen: „Bei Lesungen in Afrika geht es nicht so still zu. Man muss als Autor sehr laut sein, um Gehör zu finden. Es kann sein, dass jemand reinschreit und eine Pause verlangt, weil er aufs Klo muss. Dafür stellt er mir zwei Bier auf den Tisch, wenn er zurückkommt.“

Sebastian Fasthuber in FALTER



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