Franz Michael Felder (1839-1869). Katalog

Felder Museum Schoppernau


Vorarlberg im 19. Jahrhundert. Franz Michael Felder ist 14 Jahre alt, als er den Hof des verstorbenen Vaters übernimmt. Er fügt sich dem ungeliebten Schicksal, verzichtet aber nicht auf Bildung und abonniert - skandalös! - eine Zeitung. Wenig später wird er die Saturierten unter den Alpenländlern das Fürchten und seinesgleichen, die Armen, das Hoffen lehren. Indem er in seinem Heimatdorf Schoppernau eine Dorfbibliothek initiiert und zu etwas anstiftet, das als gefährlich gilt: Lesen. "Aus meinem Leben" heißt die Autobiografie des ersten Vollerwerbslandwirts, der gedruckt und als Schriftsteller anerkannt wurde. Obwohl sie zu den atemberaubendsten Büchern gehört, die Zugang zu einer alles andere als guten alten Zeit gewähren, zählt sie nicht zum Kanon der Klassiker. Dabei kann sie es locker mit Analogem wie Moritz' "Anton Reiser" aufnehmen.

Felder war mehr als ein erstklassiger Stilist und bravouröser Analytiker der bäuerlichen Alltagswelt. Er war auch politisch ein Pionier. "Franz Michael Felder (1839-1869)", der Katalog zu einer Dauerausstellung über Leben, Werk und Rezeption Felders, die im Felder Museum im vorarlbergischen Schoppernau zu sehen ist, zeichnet anhand von Aufsätzen, Dokumenten und Textauszügen das Bild eines Vorläufers des Sozialismus. Es genügt aber auch, das kluge Nachwort der Autobiografie gelesen zu haben, um die Dimension von Felders Engagement zu verstehen. Mitte des 19. Jahrhunderts steckten die Bauern von Vorarlberg in der Schuldenfalle. Um die Existenz ihrer Höfe zu sichern, mussten sie Kredite bei Schweizer Käsegrossisten aufnehmen - in Form einer Abgabeverpflichtung ihrer Milch zu Dumpingpreisen. Durch die Gründung einer Genossenschaft mit eigenen Absatzmärkten gelang es Felder 1867, das Monopol der Großkäser auszuhebeln. Handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen den Parteigängern der Konservativen und den Reformern blieben nicht aus. 1867 musste der Bauer ins Exil. 1868 wurde er im Wirtshaus von Schoppernau zusammengeschlagen. Im selben Jahr versuchten seine Gegner, seinen Sieg bei der Gemeinderatswahl durch einen Brandanschlag zu verhindern. Als Felder 1869 im Alter von 29 Jahren starb, herrschte das Gegenteil von sozialem Frieden.

Martin Droschke in FALTER 5/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×