Liebesblödigkeit

Wilhelm Genazino


In seinem wunderbaren Roman "Die Liebesblödigkeit" stellt Wilhelm Genazino seinen nicht mehr ganz jungen Protagonisten zwischen zwei Frauen und vor unakzeptable Alternativen.

Wilhelm Genazino ist ein schönes Beispiel für die Fragwürdigkeit des Erfolges. Seit rund drei Jahrzehnten schreibt der aus Mannheim gebürtige Autor Romane, für die er regelmäßig gelobt wird. Trotzdem bleibt er über Jahrzehnte hinweg fast so etwas wie ein Insidertipp. Der Rowohlt Verlag gibt ihm den Weisel, weil Genazinos Bücher den Richtwert von 6000 verkauften Stück mehr oder weniger deutlich verfehlen, der Autor wechselt zu Hanser, wird für sein 2001 erscheinendes Verlagsdebüt "Ein Regenschirm für diesen Tag" vom Literarischen Quartett lückenlos abgefeiert, legt zwei Jahre später "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" nach und wird 2004 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet, ohne dass wer was zu meckern findet. Im aus diesem Anlass geführten Interview mit dem Falter (37/04) meinte er trocken: "Es gibt kein Recht auf Beifall, und Kultur ist Zufall!"

In Fortsetzung der hochlöblichen Angewohnheit, so alle zwei Jahre einen Roman von maximal 200 Seiten Umfang zu schreiben, hat der mittlerweile (wieder) in Frankfurt lebende Autor nun soeben "Die Liebesblödigkeit" auf den Markt geworfen. Man lasse sich von dem langweiligen, pseudo-poetischen Cover nicht abstoßen - der Roman ist mindestens so dufte wie sein Titel. Er hat ein Uraltthema zum Inhalt, was aber nicht stört, weil man erstens mit Mann-zwischen-zwei-Frauen eh schnell mal zufrieden ist und zweitens ganz genazinomäßig gut bedient wird. Also gibt es kein L'amour-fou-Pathos, ja nicht einmal ein erschütternd peinliches Zusammentreffen des vollständigen Dreiecks, von dem nur der Mann weiß, wohingegen Sandra, 43, und Judith, 51, voneinander nichts ahnen. "Ich will auf keinen Fall ein tragischer Held werden", denkt sich der Frühfünfziger einmal, der so überhaupt nicht dem Typus des Filous entspricht, sondern die "Doppelliebe" für jene "Mindestüppigkeit" hält, "mit der wir den Kampf gegen unser armseliges Leben antreten können". Allerdings wird der so üppig Bediente zusehends von dem Gefühl heimgesucht, seine "Verhältnisse" klären zu müssen, weil er ahnt, "dass ich früher oder später nicht mehr die Wendigkeit, die Lust und vermutlich auch nicht mehr die Kraft zu einer Polygamie in drei Wohnungen haben werde".

Das einsetzende Alter, das sich unter anderem in einem gesteigerten Gefallen an domestizierter Flora ("mir gefallen neuerdings Gärten, guter Gott, ich werde älter") oder im Wadenkrampf während des Geschlechtsaktes manifestiert, führt auch zu vielsagenden Fehlleistungen: statt "internationale Linienverkehre" liest der Protagonist "infernale Liebesverkehre", "Toastbrot" wird zu "Todbrot" und "Endredaktion" zu "Enderektion". All das gibt dem Mann verständlicherweise zu denken - vor allem Letzteres, denn schon zeigt das Sexualleben samt Begleitempfindungen erste Tendenzen eines später wohl unweigerlich zum Erliegen führenden Ermattens, einem finalen Stadium, das man anderen und sich eigentlich ersparen möchte: "Ich will bei meiner Enderektion nicht dabei sein."

Da sich die Lebenssphären von Sandra, der Chefsekretärin, und Judith, der gescheiterten Konzertpianistin, die sich mit Klavierunterricht und Nachhilfestunden über Wasser hält, nicht berühren, hat Genazinos jüngster Held kein aufwendiges Doppelleben zu organisieren, weswegen sich der Autor auch weitgehend auf den unspektakulären Alltag seines unspektakulären Helden konzentrieren kann. Wir sehen diesen also in seiner Wohnung, im Supermarkt, auf der Straße oder auch im Hotel, wo er als freischaffender Zivilisationsapokalyptiker Seminare abhält - wobei die von ihm entwickelten Theorien (etwa über den Zusammenhang zwischen Unterhaltung und neuem Faschismus) ein bisschen zu intelligent sind, um als bloße Parodie oder Satire abgetan zu werden. In einer ausdifferenzierten Dienstleistungsgesellschaft wird ja so allerhand nachgefragt, und so wundert es einen dann bald nicht mehr, welche aufs Erste doch leicht bizarr anmutenden Gestalten diesen Roman bevölkern: Bettina, die Exgattin aus Jugendzeiten, die jetzt in der Schockforschung tätig und immer noch mit dem Druckluftexperten zusammen ist; die Staubforscherin Frau Dr. Pfister und der Ekelreferent Dr. Blaul; der Panikberater Dr. Ostwald, der dem Protagonisten bei der Konfliktlockerung behilflich sein möchte, und Freund Morgenthaler, der von Künstler auf Empörten-Beauftragter umsattelt; und da ist natürlich auch noch Bausback, der Postfeind, der aus seinem Ressentiment gegenüber dem Briefbeförderungsgewerbe zwar noch keinen Beruf, sehr wohl aber eine Passion gemacht hat und die Post auch noch für jede Ratte verantwortlich macht, die übers posteigene Grundstück huscht.

Man sieht, die Akkumulation an Unbill und Unbehagen ist keine geringe - und sie ist allem Anschein nach ein kollektives Phänomen. Das zu wissen nimmt dem Einzelnen zwar keineswegs die Last der eigenen Lebensführung von den Schultern, stimuliert aber wenigstens die Skepsis gegenüber der Auffassung, man genieße in seinem Unglück ein Privileg. Was also stiftet alle an, ihr Leben ändern, ihre Probleme beseitigen, ihre Verhältnisse klären zu wollen? Könnte es sein, dass das Unglück darin besteht, seine Probleme für lösbar zu halten? Das Verdächtige an diesem Bonmot ist, dass es Panikberater Dr. Ostwald schon auf Seite zwanzig geäußert hat. Es bleibt als Tatsache: "Indem das Leben vorübergeht, erzeugt es Erschöpfung."

Gegen diese Erkenntnis kann man sich wohl nur mit pragmatischer Gelassenheit wappnen; oder mit guten Büchern. Mit Büchern wie der "Liebesblödigkeit", auf die wir angewiesen sind, solange das "Handbuch für Erschöpfte" ungeschrieben bleibt, weil der potenzielle Autor zu erschöpft ist. Eigentlich tröstlich, dass es andern ähnlich geht wie uns.

Klaus Nüchtern in FALTER 5/2005



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