Das Reich Gottes

Emmanuel Carrère


Die großartige Verrücktheit des Christentums

Der Verlag Matthes & Seitz liebt es, die Grenzen zwischen Literatur und Sachbuch zerfließen zu lassen. Kein Wunder, dass er sich Emmanuel Carrère ins Haus geholt hat. Mit seinem jüngsten Buch „Das Reich Gottes“ landete dieser in Frankreich im Vorjahr einen Bestseller, was umso mehr überrascht, als dieser Wälzer von nichts anderem als dem Christentum handelt.
Dessen Lockruf war der Sohn aus dem Pariser Intellektuellenhaushalt mit 33 Jahren selbst verfallen. Drei Jahre hielt er durch. Heute bezeichnet er diese Phase in Analogie zur Kunstgeschichtsschreibung als „rosa oder blaue Periode“ und sich selbst als Agnostiker, der nachvollziehen kann, dass man den christlichen Mythos schräg findet.
Aber die extravagante Umwertung aller Werte durch das Christentum – Stichwort „Liebe deine Feinde“, „Die Letzten werden die Ersten sein“ oder „Selig sind die geistig Armen“ –, also seine großartige Verrücktheit, ringt Carrère immer noch Respekt ab. Die christliche Religion fasziniert ihn derart, dass er beschließt, sich zu deren Ursprüngen zurückzubegeben.
Das haben vor ihm schon viele getan. Aber niemand so radikal in der Ich-Perspektive und in der Dreieinigkeit von Romanautor, Historiker und Ermittler. Für seine Inspektion nimmt sich der Drehbuchautor mit dem untrüglichen Instinkt für Storys zwei Biografien vor: jene von Paulus, der von vielen als der eigentliche Erfinder des Christentums begriffen wird, und jene von Lukas, dem Reporter der „frohen Botschaft“.
Carrère vergleicht Paulus mit Trotzki und dem Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, die frühen Christen mit heutigen Yoga-Adepten, die sich auf Sinnsuche in den Himalaja aufmachen. Die Figur Jesu, „des subversivsten Menschen, der je auf Erden gelebt hat“, bleibt dabei radikal unterbelichtet.
Ein gelehrtes, informatives, kühnes und erhellendes Unternehmen, das versucht zu verstehen, wie das Neue Testament – allen voran von Lukas und Paulus – im wahrsten Sinne des Wortes geschrieben wurde.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 23/2016



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