Anatomie des Holocaust. Essays und Erinnerungen

Raul Hilberg, Walter H. Pehle, René Schlott


Eine Zeitreise in die Epoche des Grauens

Zum 90. Geburtstag des 2007 verstorbenen Historikers Raul Hilberg erscheint ein lesenswerter Sammelband des Holocaustforschers

Der Historiker Raul Hilberg, der im August 2007 verstorben ist, würde am 2. Juni 90 Jahre alt. Pünktlich zu diesem Tag bringt der Fischer-Verlag ein Buch heraus, das 13 Aufsätze und Vorträge enthält, die bisher nur an entlegenen Publikationsorten auf Englisch zugänglich waren. Die Herausgeber des Buches sind Walter H. Pehle, langjähriger Lektor für Geschichte beim Verlag S. Fischer, und der Zeithistoriker René Schott.
Die 13 Arbeiten gliedern sich in die drei Abschnitte Forschungen, Kontroversen und Erinnerungen. Der älteste Text stammt aus dem Jahr 1965, der jüngste aus Hilbergs Todesjahr 2007. So bieten die Beiträge einen Querschnitt durch die Forschungsarbeiten und das Forscherleben des Historikers, der 1926 in Wien als Sohn eines Kleinhändlers geboren wurde.
Den ersten Vortrag über „Anatomie des Holocaust“, der dem Buch als Titel dient und den Hilberg 1980 vor deutschem Publikum hielt, bezeichnete Hilberg selbstkritisch als „den harmlosesten Vortrag, den ich je gehalten habe“.
Das ist keine Koketterie, denn der mit seinen Eltern ins Exil vertriebene Hilberg zögerte, im Nachfolgestaat des „Dritten Reichs“ öffentlich aufzutreten – aus Angst vor antisemitischen Reaktionen. Und er bezeichnete den Vortrag deshalb als „harmlos“, weil er sich darin vor allem vor seinem akademischen Lehrer verneigte, dem emigrierten Politikwissenschaftler Franz Neumann.
Der hatte 1942/44 die erste Studie unter dem Titel „Behemoth“ über die Struktur und Praxis des Naziregimes herausgebracht. Dieses Buch, das von den vier konkurrierenden Akteuren Beamtentum, Militär, Wirtschaft und NSDAP ausgeht, war maßgebend für Hilbergs 1955 eingereichte Dissertation „Die Vernichtung der europäischen Juden“ – ein Buch, das in den USA 1961 einen Verleger fand und erst 1982 in einem sehr kleinen Verlag auf Deutsch erschien, bevor es 1990 in großer Auflage im Verlag S. Fischer einen angemessenen Platz fand.

Parastaatliche Bürokratien
Hilbergs Grundlagenarbeit fand erst mit erheblicher Verzögerung die verdiente Resonanz in den USA, in der Bundesrepublik und in Israel.
Wie kein anderer Historiker betonte Hilberg in allen seinen Arbeiten die herausragende Bedeutung staatlicher und parastaatlicher Bürokratien für die Vorbereitung und Durchsetzung der Vernichtung der europäischen Juden.
Diese institutionalisierten Prozesse hielt er für wichtiger bei der Analyse von Tätern, Opfern und Zuschauern als die Berufung auf ideologische Faktoren oder psychologische Dispositionen, weil es „kein organisiertes Element der deutschen Gesellschaft“ gab, „das nicht auf irgendeine Weise in den Vernichtungsprozess eingebunden war“.
Hilbergs bahnbrechende Studien zur Rolle der Reichsbahn und verschiedener Polizeiorgane belegen, wie diese bürokratisch durchorganisierten Institutionen zu Teilen der „Vernichtungsmaschine“ wurden. Alltägliche Verwaltungsfunktionen und wirtschaftliche Rationalitäts- und Effizienzkalküle unterschieden sich nicht von der „Umsetzung der Endlösung“.
Exemplarisch untersucht Hilberg in einem Beitrag die Vernichtung „als bürokratisches Phänomen“ anhand ausgedehnter Archivstudien zur Arbeitsweise der Reichsbahn bei der logistisch sehr schwierigen Aufgabe, Juden in Güterwagen kreuz und quer durch Europa zu transportieren.

Jüdischer Widerstand
Vier Beiträge drehen sich um kontroverse Deutungen der Ghettos in Polen und deren administrative Mitverwaltung durch Judenräte, aber auch um den gemeinsamen Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg durch Präsident Ronald Reagan und Kanzler Helmut Kohl.
Der „Strategie der Rettung durch Arbeit“, die viele Judenräte verfolgten, entzog Hilberg mit seinen Forschungen ihre oberflächliche Plausibilität, denn „auf diese Art opferte das Judentum mehr und mehr für weniger und weniger, bis es vernichtet war“. Umstritten war auch Hilbergs Einordnung des jüdischen Widerstands. Nach seiner Meinung war dieser nicht sehr stark und setzte erst nach 1942 ein, als die meisten Juden schon tot waren – 1943 in Warschau, Treblinka und Sobibor, 1944 in Auschwitz.
Eine Debatte löste Hilberg nicht nur mit dieser These aus, sondern auch mit seiner Skepsis gegenüber dem Quellenwert der Aussagen von Zeitzeugen. Deren Unzuverlässigkeit wird seiner Ansicht nach nicht verringert durch die hohe Zahl von Berichten Überlebender.

Methodischer Minimalismus
Außer strenger empirischer Überprüfbarkeit anhand von Quellen fühlte sich der Historiker Hilberg einem methodischen Minimalismus bei der Darstellung verpflichtet: „Mit möglichst wenigen Worten viel sagen“. Er berief sich dabei ausdrücklich auf Elie Wiesel, der sagte: „Wenn es ein Roman ist, kann er nicht von Auschwitz handeln, und wenn es um Auschwitz geht, ist es kein Roman.“
Auch über Tabus in der Holocaust-Forschung äußerte sich Hilberg souverän und unbefangen. Zu den Tabus, die freilich nicht absolut gelten, zählte er, dass nicht-jüdische Forscher nicht über jüdische Opfer schreiben und dass in der Literatur nur wenige deutsche Zeitzeugen auftreten.
Aufschlussreich ist auch Hilbergs Bericht über Archivreisen im Land der Täter. Es fiel ihm auf, dass viele Archivmitarbeiter sich mit ihrem Namen und Geburtsjahrgang bzw. Altersangabe vorstellten („Ich heiße Kunze und bin Jahrgang 1939“), so als ob sie sich ungefragt als unschuldig darstellen bzw. von ihren Eltern distanzieren möchten. Ein lesenswertes Buch.

Rudolf Walther in FALTER



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