Fuchsleuchten. Gedichte

Paulus Böhmer


"Die einfachste handlung bestünde darin
einen dymlerchrysler mit 600 kg TNT
unters brandenburger tor zu kutschen",
eröffnet Jörg Burkhard, einer der letzten deutschsprachigen Beat-Poeten alter Schule, seinen jüngsten Frontalangriff gegen "leute von schlage eines duce berlusconi". Eigentlich ziemt es sich nicht, in Zeiten von El Kaida davon zu träumen, das Symbol eines großen und starken Deutschland in die Luft zu sprengen, auch wenn der literarische Anschlag auf Missstände zielt, die auch außerhalb Deutschlands weit verbreitet sind. Aber da speziell jenen europäischen Ländern, die bereits vor 1989 zum Westen gehört haben, das juvenile Ventil für gesellschaftspolitischen Frust, die zornige Anarchokultur, abhanden gekommen ist, vermag das literarische Déjà-vu einer Achtzigerjahre-Hassschrift großes Staunen zu verursachen. Mit prollig pubertärer Sprachgewalt katapultiert der 1943 geborene ewige Undergroundler Motive und Themen aufs Tablett, die so out und zugleich gegenwartstauglich sind wie ein Punk-Song aus der guten alten Ära nach den Sex-Pistols. Konsumrausch:
"mittwochfrüh sechs uhr wurde der neue me-
diamarkt beclopptenburg-süd definitiv er-
öffnet! seit tagen campierten globaldorf-
trottel und suburbs auf dem gelände um
als erste reinzukommen",
höhnt "Frozen City Finalized", aber kein Knüppel ist dem Altstar der Szene zu derb, um nicht doch zum Spießer-Bashing zu taugen:
"erster zu sein in der endausscheidung um den
plasma-tv mit DDD-5.1-power und 10 scart-
buchsen an der frontseite für 999 statt
1.111 euro!"Da kann Paulus Böhmer, der seit seiner 300-Seiten-Apokalypse "Kaddis I - X" als das zornigste der Beat-Fossilien galt, mit seinem zeitgleich erschienenen "Fuchsleuchten" nur einpacken. Zahm, weil von Weltschmerz, Wut und von Mut zur Ungerechtigkeit bereinigt, besingt der 1936 geborene Wiedergänger Allen Ginsbergs sein ewiges Thema: Liebe kann nur existieren, wo Müll und Schmutz willkommen sind. Ein Band mit lauen Fingerübungen eines technischen Meisters, denen das Leben fehlt. Empfehlenswert nur für zarte Seelen, denen Beat zu laut und zu hart ist.

Martin Droschke in FALTER 4/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×