Va banque - Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte.

Klaus Schönberger


Der riskante Traum vom schnellen Geld: 67-mal wurden im vergangenen Jahr Wiener Banken überfallen - so oft wie noch nie und wie sonst nirgends in Europa. Wie gehen die Täter vor, was machen Geldinstitute und Polizei dagegen, und wie geht es den Opfern?

Nein, erzählt der Mitarbeiter eines Motorradzubehörshops, man werde nicht schief angeschaut, wenn man eine Sturmhaube kauft. Bankräuber tragen, damit man sie nicht erkennt, gerne die Ganzkopfmützen mit Sehschlitzen. Zwei Euro kostet die billigste aus Kunststoff, es gibt jedoch auch welche aus Seide. "Die sind angenehmer auf der Haut", meint der Mann im Bikershop, "aber für den kurzen Moment geht sicher auch die billige." Manche ziehen sich für den Überfall auch den klassischen Nylonstrumpf über, Nackenrollenbezüge oder Gummimasken sind heute eher selten.

Während in anderen Metropolen Überfälle auf Banken nur noch selten stattfinden, gab es im vergangenen Jahr allein in Wien 67 Banküberfälle - dreimal so viel wie noch Ende der Neunzigerjahre. Raubkriminalität habe seit 2001 allgemein zugenommen, erklärt Ernst Geiger, oberster Kriminalbeamter Wiens: "Traditionell häufen sich Überfälle vor Weihnachten und gegen Monatsende, wenn das Geld knapp wird." Der Freitag war 2004 mit 17 Überfällen der beliebteste Tag bei Bankräubern. Die eigenartigsten Überfälle des vergangenen Jahres, erzählt Geiger, habe eine Bande von Chilenen begangen, die, mit Messern und Schraubenziehern bewaffnet, lautstark Kunden und Angestellte bedrohte. Doch berufsmäßige Täter seien die Ausnahme, Laien immer häufiger.

Früher diente die Fahndungssendung "Aktenzeichen XY ungelöst" im Fernsehen als Ideengeber für Möchtegernbankräuber, heute regen die Berichte in den Boulevardzeitungen Nachahmer an. So konnte man beobachten, dass die Serie der so genannten "Zettelüberfälle" vergangenes Jahr mit der Berichterstattung in den Medien begann, erzählt Geiger.

Geldsorgen, der Wunsch nach schnellem Geld und sozialem Aufstieg lässt immer mehr Menschen - und zunehmend mehr Frauen - Worte wie "Geld her" oder "Überfall" auf Zettel schreiben, den sie, verbunden mit einer Drohung ("oder es knallt"), Bankkassierern unter die Nase halten. Im Gegensatz zum klassischen Panzerknacken ist diese Art Überfall auch was für Amateure. Sie erfordert kaum Vorkenntnisse.

Reinrennen, Geld geben lassen, rausrennen, unerkannt entkommen, reich sein: Bankraub hat die Fantasie der Menschen angeregt, seitdem das Geld in prunkvollen Palästen gebunkert wird. Wenn die Tat "stilvoll" vonstatten geht, also ohne Gewalt, Geiselnahme, Verletzte oder gar Tote, schwingt in der Berichterstattung immer auch ein wenig Anerkennung mit. Überfall ist bis heute Thema vieler Hollywoodfilme. Wer hat, ehrlich sein!, noch nicht selbst vom großen Coup fantasiert, während er in seiner Filiale brav Überweisungen ausgefüllt hat? Die Hoffnung auf das große Geld bringt die einen zum Ausfüllen eines Lottoscheins, andere wollen den Jackpot knacken wie Entenhausens Panzerknacker einen Safe.

Als noch keine Videoüberwachung gab, trug man als Bankräuber maximal Sonnenbrille. Dann waren Faschingsmasken der letzte Schrei. In den Achtzigerjahren ging ein Täter mit Ronald-Reagan-Maske als "Ronnie" in die Wiener Kriminalgeschichte ein. Auch international beliebt: Nikolokostüme als Arbeitskleidung. Manche Banken in deutschen Faschingshochburgen bitten ihre Kundschaft per Hinweistafel, die Schalterhalle nicht maskiert zu betreten.

Strumpf oder Haube überm Kopf, Obst als Waffe, Finger in der Manteltasche, "Geld her, Überfall": Bankmitarbeiter wissen, dass so etwas passieren kann. Wenn es so weit ist, reagiert jeder anders. Manche bleiben ruhig, andere werden sehr emotional. Manche "funktionieren" wie Maschinen, andere geben sich sogar die Schuld für den Überfall. "Die Verantwortung liegt niemals bei dem Opfer", sagt Verena Tatra. "Es ist nicht die Aufgabe der Kassiererin herauszufinden, ob die Waffe echt ist oder nicht." Die Psychologin arbeitet für Health Consult, dessen arbeitspsychologisches Zentrum Opfer von Überfällen betreut. Ein Kunde ist die Bank Austria. Gibt es dort einen Überfall, tritt in der Zentrale ein Krisenstab zusammen. Innerhalb von maximal zwei Stunden ist die Psychologin am Tatort und kümmert sich um Mitarbeiter und gegebenenfalls auch Kunden.

"Wie man so einen Überfall verkraftet, hängt sehr von der persönlichen Situation ab", erzählt Tatra. Sie muss herausfinden, ob es zu Hause oder im Umfeld jemanden gibt, mit dem die Betroffenen reden können, was in anderen schwierigen Situationen geholfen hat. Von Auto fahren, Alkohol trinken oder anstrengendem Sport rät die Psychologin dann ab. Sie bereitet Opfer darauf vor, dass unter Umständen ein Trauma auftreten kann, dass unvermittelt Bilder vom Überfall zurückkommen, sagt, dass so was normal sei, und spricht auch mit den anderen Mitarbeitern in der Bank. Manchmal muss Tatra auch aufgebrachte Angehörige beruhigen.

"Nicht den Helden spielen", lautet das oberste Gebot im Ernstfall. Das Wichtigste sei die Sicherheit für Kunden und Mitarbeiter, kommunizieren die Banken - dass es bei den Überfällen in den letzten Jahren keine Verletzten oder Tote gegeben hat, liegt wohl auch mit an dieser soften Strategie.

Gemeinsam mit der Polizei kündigten die Banken nach der Häufung der Überfälle 2004 eine "Aktion scharf" an. Über das neue Sicherheitspaket wollen die Verantwortlichen aus verständlichen Gründen aber nicht viel verraten. Jedenfalls wachen in den Banken seit ein paar Monaten bewaffnete Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes über Geld und Menschen. Als Abschreckung. Gemeinsam mit der Polizei führt man Schulungen über richtiges Verhalten im Ernstfall durch; das Interesse dafür ist in den letzten Monaten gestiegen. In vielen Filialen gab es kleine architektonische oder technische Veränderungen. Denn oft muss bloß der Winkel einer Überwachungskamera justiert werden - für gestochen scharfe Bilder der Täter. Manche Filialen bekamen ein paar Kameras mehr.

Demnächst will die BA-CA das Überwachungssystem auf digitale Technik umstellen. Nach einem Überfall müssen die Ermittler dann nicht mehr Bänder zur späteren Auswertung mitnehmen. "Sobald der Alarm ausgelöst wird", erklärt BA-CA-Sprecher Peter Thier, "gehen digitale Bilder an die Polizei, und die Fahndung kann beginnen". Künftig sollen die Fotos dann auch in Streifenwagen zu empfangen sein. 8,5 Millionen Euro lässt sich das Unternehmen die neue Sicherheitsausstattung kosten. Dabei ist in den Banken heutzutage sowieso nur noch vergleichsweise wenig Bargeld zu holen. In den Kassabereichen stehen "Cash Boys", Banknotenschränke mit zeitlich gestaffelter Geldausgabe. Mehr als ein paar Tausend Euro, konkrete Beutesummen werden ungern veröffentlicht, sind meist nicht drin. Und für 2000 Euro sieben Jahre in den Knast zu wandern ist ein hohes Risiko.

Aber die Zukunft des Banküberfalls liegt womöglich ohnehin woanders. Bei Betrügereien im Internet. Dafür braucht man dann nicht einmal mehr eine Sturmhaube.

Christopher Wurmdobler in FALTER 3/2005



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