Der Wille zum aufrechten Gang. Zur Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintregation...

Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz, BSA


Der rote Akademikerbund BSA stellte sich seiner Vergangenheit - als Resozialisierungs- und Förderverein ehemaliger Nazis.

Der eine war SSler, bei einer Einheit, die sich an den "Säuberungsaktionen" in Minsk beteiligt hatte. Der andere ab 1944 für das "Reichssicherheitshauptamt" tätig, das für die Planung und Durchführung des Holocaust zuständig gewesen war. Der Dritte hatte in Innsbruck einem der wichtigsten Kader des NS-Terrors angehört, der geheimen Staatspolizei.

Das braune Trio machte auch nach dem Krieg rasch Karriere. Der ehemalige SS-ler Hans Biringer brachte es 1972 zum Polizeidirektor von Salzburg und blieb es bis 1985. Herbert Koller wiederum stieg 1961 zum Generaldirektor der Linzer Voest auf, bis Ende der Achtziger war er sogar Vizepräsident der Nationalbank. Und Ferdinand Obenfeldner, der Tiroler Gestapo-Mann, amtierte ab 1962 für mehr als zwei Jahrzehnte lang als Innsbrucker Vizebürgermeister.

Die NS-Vergangenheit der drei Roten, die nach 1945 mit Hilfe des Bundes Sozialistischer Akademiker, kurz BSA genannt, in hohe Positionen aufsteigen konnten, war in- und außerhalb der SPÖ nie Thema gewesen. Dabei waren Biringer, Koller und Obenfeldner nur drei von vielen Mitgliedern der roten Vorfeldorganisation, die im Dritten Reich wichtige Funktionen bekleidet hatten.

Sechzig Jahre danach legt eine Studie der Historiker Peter Schwarz und Wolfgang Neugebauer, bis vor kurzem Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, erstmals offen, wie der BSA nach Kriegsende um die ehemaligen Nazis geworben und diese großzügig gefördert hatte. Anlass dafür war der Fall des ehemaligen BSA-Mitglieds Heinrich Gross, der als NS-Arzt an der Tötung von Kindern am Spiegelgrund beteiligt war, ein Fall, der die rote Akademikerorganisation bis ins Jahr 2002 immer wieder einholte und ihr massive Kritik eintrug. Der ehemalige BSA-Chef Sepp Rieder, Wiens Finanzstadtrat, gab schließlich den Auftrag, die braunen Flecken der Organisation aufzuarbeiten, präsentiert hat den Endbericht letzte Woche der neue Vorsitzende Caspar Einem, auch Europasprecher der SPÖ, der von einer "schweren Belastung" für den BSA sprach.

Um den Ehemaligen Posten zuzuschanzen, wurde in der Regel "von allerhöchster Stelle" der Partei interveniert, so die Studienautoren. Zu den Förderern gehörte die rote Prominenz der jungen Zweiten Republik: Adolf Schärf etwa, der damalige SPÖ-Chef und spätere Bundespräsident, und dessen Nachfolger Bruno Pittermann. Auch Bruno Kreiskys liberaler Justizminister Christian Broda bemühte sich immer wieder um die Karrieren von Exnazis. Der Hintergrund: Durch die politische Verfolgung während der NS-Zeit litt die SPÖ in den Nachkriegsjahren unter einem Mangel an Akademikern. Doch anstatt die Vertriebenen zurückzuholen - die SPÖ wollte nicht als "Judenpartei" in Verruf geraten -, setzte man zur Stimmenmaximierung lieber auf Signale an die rund 700.000 Ehemaligen. Damit nicht genug, in Konkurrenz zur ÖVP und zu deren Personalreservoir, dem Cartellverband, nahmen die SPÖ und der BSA sogar "lieber einen Nazi als einen CVer in Kauf", um Stellen im öffentlichen Dienst zu besetzen, erklärt Neugebauer. Fazit: Die "Schwerbelasteten" wurden ebenso hofiert und protegiert wie die einfachen NSDAP-Mitglieder.

Vor allem in den Bundesländern war der Anteil der Exnazis beim BSA besonders hoch: In Oberösterreich kam man auf sechzig, in der Steiermark gar auf siebzig Prozent. Selbst auf Führungsebene sah das Ergebnis kaum besser aus: Obwohl von den Autoren als eher "harmlose Fälle" qualifiziert, waren auch vier SPÖ-Länderchefs ehemalige Nazis - und saßen somit im Parteivorstand: der Burgenländer Theodor Kery, der Steirer Alfred Schachner-Blazizek, der Tiroler Karl Kunst und der Oberösterreicher Stefan Demuth. Nach Letzterem ist in Linz bis heute eine Verkehrsfläche benannt.

Nina Weissensteiner in FALTER 3/2005



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