Nachtzug nach Lissabon

Pascal Mercier


Die populärsten Definitionen von Freiheit (Friedrich Engels, Kris Kristofferson) sind von ernüchternder Knappheit. In Wirklichkeit nimmt sie aber eh keiner ernst; stattdessen gilt Freiheit als Handeln jenseits des Notwendigen, bei dem man allerdings auch was zu verlieren hat. Der aus Bern stammende Philosoph Peter Bieri hat vor vier Jahren ein erstaunlich populäres Sachbuch über "Das Handwerk der Freiheit" geschrieben; unter dem Namen Pascal Mercier schreibt er nicht viel weniger erfolgreiche Romane. "Nachtzug nach Lissabon" ist der dritte davon; er beginnt damit, dass ausgerechnet ein für seine unerschütterliche Verlässlichkeit bekannter Berner Gymnasiallehrer (Latein, Griechisch, Hebräisch) vom heftigen Drang überkommen wird, seinem Leben noch eine neue Wendung zu geben. Er lässt alles liegen und stehen, um sich, entflammt von den melancholischen Reflexionen eines gewissen Amadeu de Prado, in Lissabon auf die Spuren des verehrten, mittlerweile verstorbenen Autors zu begeben, wobei er die in die finstere Vergangenheit der Salazar-Diktatur dringt und deren Spuren und Zeugen bis in die Gegenwart verfolgt. All das verwebt Mercier zu einem süffigen, reflexions- und schicksalsgesättigten Schmöker, der kunsthandwerkliche Gediegenheit nicht scheut und dem Außergewöhnlichen den Vorzug gegenüber dem Plausiblen gibt. Kühler und grundsätzlicher noch geht es die um dreißig Jahre jüngere Juli Zeh in ihrem bisherigen Opus magnum "Spieltrieb" an. Die gelernte Juristin bleibt allerdings am Tatort Schule, wo ein aus Polen stammender Lehrer (Deutsch und Leibeserziehung) von der 15-jährigen Ada und dem um drei Jahre älteren Alev für die Exemplifizierung ihrer spieltheoretisch untermauerten und nihilistisch grundierten Überlegungen über die Freiheit im Zeitalter der vollständigen Erosion ethischer Handlungsgrundlagen auserkoren wird: Er wird beim Sex mit Ada in flagranti fotografiert und dazu erpresst, die erotischen Exerzitien im Turnkammerl wöchentlich zu wiederholen. Die unplausible Konstruktion dieser Versuchsanordnung ist allerdings um einiges zu fragil, als dass sie die tonnenschweren Ambitionen tragen könnte, mit der die Autorin ihren ästhetisch ziemlich konventionellen Roman belastet.

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2005



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