Kaputtalismus. Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das...

Robert Misik


Der Übergang vom Kapitalismus zum Commonismus

Der Kapitalismus – „Kaputtalismus“ nennt ihn Robert Misik – ist nicht am Ende. Er hat schon neu angefangen. Mitten unter uns.

Robert Misik ist Autor zahlreicher Bücher, Videokolumnist des Standard, Autor des Falter und der deutschen Taz. In Deutschland als linker Intellektueller möglicherweise bekannter als in Österreich, versucht Misik stets den Puls sozialer Bewegungen zu erfühlen, politisches Änderungspotenzial zu aktualisieren und dabei als gestandener Linker den schalen Geruch abgestandener Ideologien zu vermeiden. Wenn schon Marxismus, dann ein für interessierte Zeitgenossen lesbarer.

Analyse und Utopie
Misiks neues Buch befasst sich mit der Frage, ob der Kapitalismus gerade zugrunde geht. Natürlich weiß Misik um die damit verbundenen Gefahren. Seit 1989 ist der Kapitalismus das einzige polit-ökonomische System, das uns geblieben ist, und zu oft wurde es totgesagt, als dass man die Frage noch im Ernst stellen könnte. Misik findet deshalb zur Pointe „Kaputtalismus“, was man so interpretieren kann, als gäbe es einen zerstörerischen Kapitalismus, einer der uns und alles kaputtmacht, und einen anderen, den wir noch nicht kennen, sondern erst herstellen müssen (eine Idee, mit der der Rezensent durchaus sympathisiert; die Wortschöpfung „Kaputtalismus“ hingegen findet er weniger gelungen).
Sei’s drum. Misiks Buch zerfällt in zwei Teile. Der überwiegende Teil befasst sich mit der Krise des Kapitalismus, die nun offenbar – falls nicht Schlimmeres droht – in einen stationären Zustand übergeht. Selbst Autoren wie Lawrence „Larry“ Summers, der hochrangige Clinton-Berater und Spiritus Rector der neoliberalen Clinton’schen Maßnahmen, etwa der Aufhebung von Investment- und Geschäftsbanken durch die Abschaffung des Glass-Steagall Acts, räumt ein, dass wir uns mit der Krise in Permanenz anfreunden müssen.
Misiks Krisenanalyse erfreut durch Leichthändigkeit. Manchmal übertreibt der Autor, dessen Diktion zwischen einer Ansprache an das Publikum („aber womöglich sind Sie der Meinung …“) und vollmundiger Inklusivität („Wir sind hier an einem wirklich paradoxen Punkt …“) schwankt. Aber er versöhnt uns durch den wirtschaftstheoretischen Hintergrund. Bestsellerautoren wie Thomas Piketty dienen ihm ebenso als Gewährsleute wie die hierzulande selten zitierten Robert Brenner oder James K. Galbraith. Den analytischen Teil wird man also mit großem Gewinn lesen, wenngleich er die Frage, ob der Kapitalismus jetzt an seinem Ende ist, naturgemäß unbeantwortet lässt.

Nach dem Kapitalismus
Für seine Antwort bezieht sich Misik auf die politische Realität. Durchaus sinnvoll, könnte man sagen. Aber Misiks südeuropäische Exkursionen (nach Griechenland und Spanien vor allem) liefern einfach nicht ausreichend Material für seine These, dass eine kooperative gesellschaftliche Realität den Raubtierkapitalismus längst abzulösen im Begriff sei.
Gegen seine politische Analyse hält Misik an der Utopie fest, dass sich im Schoß der Misere eine Gegengesellschaft entwickle, eine Art „Commonismus“ aus am Gemeinwohl orientierten Genossenschaften und neuen Formen wirtschaftlich-gesellschaftlicher Kooperationen.
Misik weiß: „Die herrschenden Eliten schlagen unerbittlich zurück.“ Eine friedliche Abberufung des Finanzkapitalismus werden sie nicht zulassen. Sie werden nicht gestatten, dass ein Land wie Griechenland oder Portugal zu einem Schuldenschnitt kommt. Obwohl das für Griechenland eine bessere Lösung gewesen wäre als die jetzt getroffene, das Land im Zyklus seiner Schulden zu fesseln, mit öffentlichem Geld die Kredite der Banken zu retten und Stück für Stück seines öffentlichen Eigentums zu privatisieren.
Die Revolution steht nicht auf dem Programm. Auch der Reformismus hat versagt. Nun, sagt Misik, braucht es einen „revolutionären Reformismus“.

Armin Thurnher in FALTER 8/2016



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