Historisches Lexikon Wien

Felix Czeike


Was sagt der Czeike?

Niemand kennt Wien so gut wie Felix Czeike. Sein berühmtes Stadt-Lexikon ist nun kürzlich in einer Sonderausgabe erschienen.

Der Mann, dem Wien sein Leben war und ist, nimmt das Wort erst spät in den Mund. Es ist wie beim Lockern der Muskeln, wie bei Kür und Pflicht. Zuerst die Kür, zuerst redet er über Apotheken, über die Geschichte der städtischen Apotheken. Achtzig Druckseiten hat er bereits auf der Festplatte, zwei Bände Apothekengeschichte schweben ihm vor, je 400 Seiten dick. Dann beschreibt er seine Arbeitsmethode, es zischelt ein wenig vor so vielen S in der Luft: "Suchen, sammeln, schreiben." Sodann sagt Felix Czeike das Wort. Er sagt: Wien. Und so oft er anfängt, über Wien zu reden und nachzudenken, so oft findet er kein Ende. Wien, das ist seit dem 1. August 1954, seit seinem Berufseintritt ins Archiv der Stadt Wien, die Pflicht des Dr. Czeike.

Sein Leben, seine Karriere, seine Energie, das muss man so pathetisch sagen, hat er der Stadt gewidmet. Im Sommer 1997 lag sein "Historisches Lexikon Wien", ein fünfbändiger, kiloschwerer Buchziegel, erstmals komplett vor. "Historisches Lexikon Wien", das sagt, damals wie heute, aber kein Mensch. Niemand geht auch jetzt zum Buchhändler und verlangt: Bitte einmal das "Historische Lexikon Wien", die gerade erschienene Sonderausgabe in sechs Bänden. Das von Czeike überarbeitete Nachschlagewerk mit 30.000 Stichworten und 2400 Abbildungen. Gezählte 3700 Seiten um 349 Euro. Der Buchhändler weiß erst, wovon man spricht, wenn man sagt: Einmal, bitte, den Czeike.

Nur alterslose Leinwandgöttinnen aus Hollywood und Felix Czeike, 78, in Favoriten geboren und aufgewachsen, werden nämlich so behandelt: Schlag nach im Czeike, was sagt der Czeike! Ganz korrekt müsste man sagen: die Czeikes.

Felix Czeike ist ein liebenswürdiger Mann mit losem Hemdkragen und Sturmfrisur am Hinterkopf. Er ist mit Helga, 76, verheiratet, die einen wesentlichen Beitrag für das Lebenswerk ihres Mannes geleistet hat. Vor kurzem haben die beiden Jubiläum gefeiert: Fünfzig Jahre sind sie verheiratet, fünfzig Jahre ist es her, da beide ihren Doktor machten. Seit 1951 leben sie auch in der Wohnung im zweiten Bezirk. Es gibt hier ein grünes Tasttelefon und Ohrensessel mit Bezügen, die ausschauen, als ob sie durch die Hose zu spüren wären. Es gibt auch Teppiche, die Schritte dämpfen, und überall gibt es Bücher. Im Fernsehzimmer stehen die Bücher wie Bollwerke: Meyers Lexikon, Brockhaus, Czeike. Dazu Czeikes edler Dumont-Reiseführer Wien, 100.000 verkaufte Exemplare, zwölfte Auflage. Vor dem Buchregal, am Tisch mit dem geblümten Tuch, sitzen Herr und Frau Czeike. Gemeinsam rekonstruieren sie eine einzigartige Karriere.

Herr Czeike ist ruhig und manchmal etwas streng. Sein Gegenüber fixiert er. Kein nervöses Herumflackern des Blicks, ein Dr. phil., ein Ao. Universitätsprofessor, ein Hofrat und Professor schaut einen an, wissen will er: Alles verstanden? Und weiter redet er, meistens in Lexikoneinträgen ohne Höhen und Tiefen, manchmal in gewitzter Weise: über das Stadtbild, über Wien im nationalen und internationalen Zusammenhang, über die Auffassung seiner Arbeit: "Mein Grundsatz, seit jeher: Geschichte darf man nicht im Elfenbeinturm schreiben."

Bei aller Liebe zum Bewährten: Ein Konservator war Czeike nie, einen Glassturz hat er seinem Wien nie verpasst. Donaucity, Trend, multikulturelle Entwicklung, so Wörter kommen ihm ganz leicht über die Lippen. "Ein wenig stolz bin ich doch", sagt Czeike, der kein Mann ist, der zu Übertreibungen oder Unangemessenheiten neigen würde, sondern der seit Jahrzehnten und mit nicht versiegender Leidenschaft ein ganzer Kerl der Wissenschaft und der Wien-Erforschung ist. Sein Arbeitspensum: bis zu zwölf Stunden täglich, Montag bis Sonntag, dazu regelmäßige Grätzelexpeditionen. "Einbremsen muss man ihn", sagt Helga Czeike.

Das Thema Wien schlenkert er aus dem Ärmel. Fünfzig Bücher hat er insgesamt veröffentlicht, wahrscheinlich sind es mehr. Er war von 1976 bis zu seiner Pensionierung 1989 Leiter der MA 8, der Direktor des "Archivs der Stadt Wien". Die Liste der Superlative ist lang, mit der Mann und Werk seit Jahrzehnten charakterisiert werden: Sein Lexikon ist weltweit das umfassendste Werk über eine Weltstadt, die Erforschung der Geschichte der Stadt wird nachgerade eingeteilt in eine Vor- und einen Nach-Czeike-Zeit.

Sein Wien ist für ihn ein Ort der ungebrochenen, unaufhörlichen Faszination, Kür und Pflicht zugleich. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Denkmal vor dem Eingang zum Kurpark Oberlaa, eine Puschkin-Statue. Eineinhalb Jahre ist es her, da hat Czeike bei einer seiner Stadterforschungstouren das Gastgeschenk der Stadtduma von Moskau erst entdeckt. Natürlich hat er das sofort in die Neuauflage des Czeikes geschrieben. Und bezirzen kann ihn der Puschkin auf dem Steinsockel bis heute.

Wolfgang Paterno in FALTER 1-2/2005



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