The Photobook: A History. Volume 1

Martin Parr, Gerry Badger


Vor genau einem Jahr zierte der Charakterkopf von Thomas Bernhard das Titelblatt des Falter. Zur Klärung der Frage, "wie er wurde, was er war" (Coverzeile) hat der Autor selbst mit fünf Büchern beigetragen, die nun in der Suhrkamp-Werkausgabe unter dem voll tönenden Namen "Die Autobiographie" und im Rahmen der Backlisthighlightselection des Residenz Verlags etwas vorsichtiger als "Autobiographische Schriften" neu aufgelegt wurden. Liest man die zwischen 1975 und 1982 erschienenen Bände in der Reihenfolge ihres Erscheinens, so gewinnt man den Eindruck einer fortlaufenden Autoentbernhardisierung des Autors. Muss man sich in "Die Ursache" noch durchs Dickicht existenzphilosophisch aufgemascherlter Behauptungssatzprosa mühen, mit der hier das unterm Bombenhagel erbebende Salzburg und die letzten Schultage des jungen Noch-nicht-Dichters auf die (nicht ganz unplausible) Formel Nationalsozialismus-ist-Katholizismus-mit-komischen-Kreuzen gebracht wird, so lichtet sich der Urwald der Satzketten in "Der Keller" schon ein wenig, wo die Abkehr von der Schule und der Eintritt in den Lebensmittelladen des Karl Podlaha in der übel beleumundeten Scherzhauserfeldsiedlung zum enscheidenden Schritt "in die entgegengesetzte Richtung" stilisiert wird; eine Umkehr, die dazu führt, dass sich Bernhard beim stundenlangen Abladen von Kartoffeln im Regen eine nasse Rippenfellentzündung holt, deren drastische und an den Rand des Todes führende Folgen in "Der Atem" beschrieben werden.

Spätestens hier setzt Rezensentendemut und die Erkenntnis ein, dass diesem Mann wirklich etwas zu viel aufgepackt wurde; ein Eindruck, der in "Die Kälte" noch verstärkt wird - einem völlig unlarmoyanten und in seiner Kritik an der Institution "Heilanstalt" furiosen Text, der über die bloße "literarische Heimatbeschimpfung" (Sigrid Löffler) doch deutlich hinausgeht. Verglichen mit Grafenhof ist Bernhards Kindheit im bayerischen Traunstein dann zwar keineswegs idyllisch, aber doch ein Lichtblick in jedem Sinne: "Ein Kind" gehört in seiner unüblichen Stofffülle wohl zu den schönsten und berührendsten Texten des Autors.Der großartige Band "The Photobook" begibt sich auf die Suche nach den schönsten Fotobüchern der Geschichte. Das Augenmerk auf Format, Grafik, Typografie, Einbände, Druck- und Papierqualität wird hier wunderbar deutlich und macht klar, wie stark Bilder überhaupt schon mit dem Gedanken an deren Buchform produziert wurden. Die bibliophile Reise beginnt mit einem botanischen Kompendium von 1843 und endet bei einem Band "Girls Blue: Rockin' On" über die Jugendkultur Tokios von dem Fotografen Hiromix. Unübertroffen erweisen sich die Künstlerbücher des russischen Konstruktivismus und der Neuen Sachlichkeit, aber auch der japanischen Fotobuchgestaltung ist ein eigenes Kapitel gewidmet. "The Photobook" ist sehr übersichtlich gestaltet und auch wegen der guten Texte seinen Preis auf alle Fälle wert.

Klaus Nüchtern in FALTER 1-2/2005



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