Kongregation

Lydia Haider


„Wenn ich schon schreibe, dann gleich etwas Gescheites“

Eine Reihe österreichischer Autorinnen zeigt mit tollen und gleichzeitig unprätentiösen Büchern auf. Im Zentrum stehen Fragen nach Identität und Zugehörigkeit. Zwischen Vea Kaiser und Stefanie Sargnagel ist noch viel Platz

Alles, nur keine Geschichten über Yoga. Lydia Haider, Marianne Jungmaier und Daniela Emminger sind sich einig, welche Bücher sie nicht schreiben wollen: Yoga-Romane – Wohlfühl-Literatur, die Roman-Plot und Lebenshilfe in einem serviert. Was sie schreiben wollen, wissen sie auch: dringliche Geschichten, die gern auch ein bisschen fordern und verstören dürfen.
Lydia Haider legt mit „Kongregation“ einen mächtigen Debütroman vor, der sowohl sprachlich als auch auf der Handlungsebene beeindruckt. Erzählt wird das Buch in der Wir-Form. Es spricht eine Dorfgemeinschaft alternativer Jugendlicher, der das Leben auf dem Land und die Bräuche der Altvorderen zuwider ist. Doch die Gruppe wird durch eine grausige Todesserie arg dezimiert. Andere hätten aus dem Stoff einen Thriller mit Seitenhieben auf die Provinz und Scheinheiligkeit gemacht.
In Haiders Händen wurde daraus ein literarisches Kunstwerk in einer fesselnden, musikalischen Sprache, die sich zwischen Anklängen an Thomas Bernhard und einem fast schon biblischen Sound einpendelt: „Was waren uns diese bis in alle Ewigkeit von der hiesigen Einfaltsbevölkerung sinnlos Verstoßenen, was waren sie uns nur für ein übergroßer Schatz, eine Stütze, mehr noch, der überlebensnotwendige Rollstuhl für alle hier von Kirche und Staat zu vollkommenen Krüppeln Geschlagenen (…).“

Untypisch: Lydia Haider ist vor „Kongregation“ weder durch Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften noch auf Facebook aufgefallen. „Das ist mein allererster ernsthafter Text“, sagt sie. „Wenn ich schon schreibe, dann gleich etwas Gescheites. Ich habe zwei Kinder und nicht viel Zeit. Am Tag meiner Diplomprüfung habe ich mich hingesetzt und das Exposé für das Buch geschrieben. Ich wusste, das muss ich jetzt durchziehen. Es ist sonst immer die Familie oder die Uni vorgegangen.“
Studiert hat die aus dem Großraum Linz stammende 30-Jährige Germanistik, zurzeit schreibt sie ihre Disser­tation über „Rhythmische Subversion in Texten Thomas Bernhards und Ernst Jandls“. Zuvor hätte sie beinahe eine Laufbahn als Pianistin eingeschlagen, „aber ich habe es gehasst, immer gegen die Zeit zu spielen. Wenn man in dem Moment auf der Bühne nicht funktioniert, hat man verloren. Meine Texte kann ich tausendmal überarbeiten.“
Wie schafft man es, als Mutter zweier kleiner Kinder einen derart ambitionierten Roman (inklusive eines über 54 Seiten laufenden Satzes) zu schreiben? „Ich schlachte jede freie Minute aus. Und ich arbeite nur mit Musik. Das zweite Kapitel habe ich zum Hip-Hop von Death Grips geschrieben. Wenn ich die Musik einschalte, ist die Erinnerung gleich wieder da, wo ich im Text war.“
Haiders Selbstbewusstsein kann mit ihren Fähigkeiten noch nicht ganz Schritt halten. Anfangs hat sie mit Hieronymus L. Haider eine erfundene Autorenfigur vorgeschoben. Sich Schriftstellerin zu nennen fühlt sich für sie immer noch seltsam an: „An der Uni sage ich immer, ich schreibe eigentlich an meinen eigenen Texten. In Schreiberkreisen sage ich, ich schreibe an meiner Diss. Ich bin auch daheim die Wienerin und in Wien das Landei, weil ich auf meinem Dialekt bestehe. Vielleicht hat sich für mich noch nichts ergeben, wo ich dazugehören möchte.“

Marianne Jungmaier hat die heftigste PR, die einer Autorin widerfahren kann, schon hinter sich. Sie ist kürzlich in der Talkshow von Barbara Stöckl aufgetreten („sehr aufregend und nervenaufreibend“). Eingeladen wurde sie wegen ihres ungewöhnlichen Lebensmodells. Seit Jungmaier 2011 nach verschiedenen Studien und Jobs zwischen Fernsehen und Printjournalismus beschloss, eine freie Schriftstellerin zu sein, lebte sie wie eine moderne Nomadin.
Sie verbrachte einmal ein paar Monate in Indien, dann wieder bei Freunden auf der Couch oder durch Schreibaufenthalte an so schönen Orten wie Island. „Ich habe das nicht so geplant“, erzählt die 30-Jährige. „Ich liebe Reisen sehr, aber noch mehr habe ich nach einem Zuhause gesucht. Ich habe nie gewusst, wo ich hingehöre. Erst seit kurzem habe ich wieder eine fixe Bleibe in Berlin. Mit Wien hätte ich es oft probiert, aber Wien und ich, das funktioniert leider nicht.“
Wo sie auch nicht hingehört, davon erzählt Jungmaier, die zuvor schon einen kleinen Prosa- und einen Gedichtband veröffentlicht hat, in ihrem ersten Roman „Das Torten-Protokoll“. Er handelt von einer jungen Frau, die zum Begräbnis der Großmutter zurück in ihr oberösterreichisches Heimatdorf kommt. Es erwartet sie eine schweigsame Sippschaft. Hier wird nur das Nötigste gesprochen, das Äußern der eigenen Gefühle zählt nicht dazu.
Die Frage nach dem autobiografischen Gehalt von literarischen Texten ist leidig, aber auch immer wieder reizvoll. Im Fall von Jungmaiers angenehm unprätentiös erzähltem Roman lautet die Antwort: Es steckt schon sehr viel von ihrer eigenen Familiengeschichte drin, aber kaum Konkretes. „Ursprünglich wollte ich einen Dokumentarfilm über meine Familie machen“, erzählt die Autorin. „Ich habe 50 Stunden aufgezeichnet, aber es hat als Film nicht funktioniert. Dann habe ich es in Form eines Romans versucht. Das war auch schwierig, weil es immer meine Geschichte war und um Aufarbeitung ging.“
Acht Jahre Arbeit stecken im „Torten-Protokoll“. Jungmaier stand bereits kurz davor, ihren Erstlingsroman für immer in die Schublade zu legen, da versuchte sie es mit einem neuen Ansatz noch einmal: „Ich habe alles komplett fiktionalisiert und dadurch die nötige Distanz bekommen. Dieses Buch hat ganz nah an mir begonnen, und ich habe es immer weiter von mir weggeschoben.“

Daniela Emminger ist keine Debütantin. Bereits vor zehn Jahren hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. „Aber das war in einem kleinen Verlag und ist nicht aufgefallen“, sagt sie. „Ich war damals auch nicht bereit, an die Öffentlichkeit zu treten. Ich bin jetzt 40, aber dass ich Schriftstellerin bin, sage ich erst seit zwei Jahren. Es war ein langer Prozess.“
Emminger kommt aus einem kleinen Ort und aus einem Umfeld, in dem Literatur kein Thema war und keine entsprechenden Vorbilder existierten. Nach der Matura studierte sie in Wien an der Werbeakademie und an der WU Wirtschaftskommunikation, es folgten Jahre als Werbetexterin in Hamburg und Berlin. Die Literatur finanziert sie sich nach wie vor als freie Texterin. Emminger arbeitet immer so lang, bis sich wieder ein paar Monate Schreibruhe ausgehen: „Ein anstrengendes Lebenskonzept.“
Mit „Die Vergebung muss noch warten“ hat sie gerade ihren dritten Roman veröffentlicht. Es ist eine kuriose Geschichte um eine junge Frau, die von Wut angetrieben wird – ohne wirklich zu wissen, woher diese Wut kommt. Sie erzählt ihre Geschichte in einer wunderbar verspielt-verschnörkelten Sprache, die bewusst umständlich und langsam zum Kern der Dinge vordringt: „Kurz fassen muss ich mich eh, wenn ich für Auftraggeber arbeite. Für mich bedeutet literarisches Schreiben, sich den Dingen anzunähern. Es braucht das Umkreisen.“
Emminger hat außerdem ein
Faible für merkwürdige Namen. Ihre Protagonistin ist nach einer kleinen Gemeinde im Mostviertel Kilb benannt. „Sie muss genau so heißen“, sagt sie. „Bei solchen Punkten streite ich auch gerne mit dem Verlag. Mir ist lieber, ein Buch von mir erscheint nicht, als dass ich zu viele Kompromisse eingehe. Ich bin halt nicht mehr 20 und lasse mir alles einreden.“
Für den nächsten Roman hat sie heuer ein paar Monate in Kirgistan verbracht: „Der Arbeitstitel lautet ,Die Kunst des Verlierens‘. Darum wollte ich wohin, wo ich total verloren bin, weil ich nichts kenne und die Sprache nicht kann. Es gibt in Kirgistan Landschaften, da ist niemand und da ist nichts. Das hat mir total getaugt.“
Momentan ist auch auf Emmingers Konto nichts. Im Frühjahr will sie dann wieder losziehen, um weiterzuschreiben. „Nur darum geht es mir“, sagt sie. „Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gar nicht am Literaturbetrieb teilnehmen. Ich will ein Buch machen – und danach wieder verschwinden und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Da bin ich recht altmodisch.“

Sebastian Fasthuber in FALTER



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