Die Vergiftung

Johann Sonnleitner, Maria Lazar


Freud lag ihr näher als Marx und Engels

Zwei neu aufgelegte Romane von Maria Lazar erinnern an die lange vergessene Exilautorin aus Wien

Belletristik, im Sinne leichter Unterhaltung, war nicht ihr Ding. Maria Lazars erster Roman heißt „Die Vergiftung“, ihr erstes Bühnenstück „Der Henker“. Später, im skandinavischen Exil, entstanden Titel wie „Die Eingeborenen von Maria Blut“ und „Leben verboten“. Selbst bei ihrem populärsten Roman, „Veritas verhext die Stadt“, der zunächst in Fortsetzungen, dann als Buch erschien und schließlich als einziges ihrer Werke auch noch verfilmt wurde, handelt es sich nicht etwa um ein Jugendabenteuer, sondern um eine böse Geschichte von Denunziation und Mord in einer Kleinstadt.
Maria Lazar – 1895 in Wien geboren, 1933 emigriert, 1948 in Stockholm aus dem Leben geschieden – gehört zu den besonders gründlich Vergessenen unter den vom NS-Regime verfemten und vertriebenen oder ermordeten Autorinnen. Dabei war sie, das „rote Schaf“ einer großen, jüdisch-katholischen Familie, schon früh gut vernetzt in Künstlerkreisen. Sie besuchte die Schule von Eugenie Schwarzwald, an der sie Freundschaft mit der späteren Schauspielerin Helene Weigel schloss, war bekannt mit Literaten wie Elias Canetti oder der Bestsellerautorin Karin Michaelis und wurde porträtiert von Oskar Kokoschka.

„Schrankenlos wollte sie leben, lieben, hassen und streiten“, erinnerte sich die bekannte Kinderbuchautorin Auguste Lazar an ihre Schwester. Maria habe Geschichte und Philosophie studiert und sich als Kommunistin gefühlt, der Partei beigetreten aber sei sie nie – „Sigmund Freud lag ihr näher als Marx und Engels“.
1920 erscheint „Die Vergiftung“ im Wiener Verlag E.P. Tal. Die zentrale Protagonistin ihres Romandebüts heißt Ruth, eine junge Frau – eventuell ein Alter Ego der Autorin –, die in ständigem Konflikt mit ihrer bürgerlichen Familie, insbesondere der tyrannischen Mutter, liegt. „Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet, wehrlose Wut.“
Großartig, wie behände hier die Perspektiven wechseln, vom auktorialen Erzählen zu Ruths innerem Monologisieren. Einmal geht’s, sozusagen ohne jeden Schnitt, aus dem Alltag in eine Filmromanze hinein. „Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch, sehr rasch (…). Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewürztes Essen, unreine Haare. Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer. Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Blütenfülle, die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine.“
Der spätexpressionistische Roman findet geteilte Aufnahme. Robert Musil bescheinigt dem Werk „reichen Einfall“ und „jugendlichen Ellenbogen“, Thomas Mann hingegen notiert in seinem Tagebuch: „Penetranter Weibsgeruch.“ Lazar erwidert dieses Kompliment ein paar Jahre später in einem Artikel zur Vergabe des Literaturnobelpreises von 1929: „Lächerliche Phantasten das, die sich Karl Kraus oder Remarque oder Upton Sinclair vorstellen können. Armselige Schwärmer, die da vermuteten, die Vertreter der Weltkultur interessierten sich mehr für das Sterben von hunderttausend armer Soldaten als für das Absterben einer reichen Kaufherrnsfamilie. Was sind die letzten Tage der Menschheit gegen die letzten Tage der ‚Buddenbrooks‘!“
1923 heiratet Maria Lazar den ­Stiefsohn von August Strindberg und erhält so die schwedische Staatsbürgerschaft; Tochter Judith wird 1924 geboren, die Ehe später geschieden. Um bei hiesigen Verlagen zu reüssieren, nimmt Lazar ein schickes nordisches Pseudonym an: Esther Grenen. Unter diesem Namen erscheinen 1930 „Veritas verhext die Stadt“ wie auch der erst postum in der DDR veröffentlichte Roman „Die Eingeborenen von Maria Blut“.
Mit diesem Mitte der 1930er in Kopenhagen abgeschlossenen Werk erweist sich die Autorin als ganz nah am Puls der Zeit. Lazar zeichnet darin am Beispiel des fiktiven Wallfahrtsorts Maria Blut den Weg Österreichs in den Faschismus vor.

Mit den „Eingeborenen“ sind die Mitläufer des aufziehenden Nationalsozialismus gemeint, die Wilden aus der Provinz. Aus dem breit angelegten Figurenensemble ragen Dr. Lohmann, „ein Roter aus Wien“, und seine Kinder heraus: Die beiden Söhne ziehen mit der neuen Zeit, einzig Tochter Hanni zeigt echte Courage. Wundergläubigkeit, katholische Bigotterie und Kleinstadtdünkel ebnen politischer Bewusstlosigkeit und blanker Willkür den Weg.
Als zeithistorische Analyse taugt „Die Eingeborenen von Maria Blut“ nur bedingt, doch die große Teile des Romans dominierenden Dialogpassagen zeigen Lazars sicheres Gespür für dialektale Färbungen, für Komik und vor allem für Tempo. So etwa folgendes Gespräch zweier Nachbarinnen: „Ich sag Ihnen, die ganze Konservenfabrik habens angesteckt.“ – „Wer denn, die Hakenkreuzler?“ – „Aber Frau Weinzierl, um Himmels willen, was fallt ihnen denn überhaupt ein?“ – „Ja wer denn sonst? Weiß man schon was?“ – „Natürlich.“ – „So redens doch. Am End gar richtige Verbrecher?“ – „Bolschewiken.“ – „Wie? Was habens gesagt?“ – „Bolschewiken. Kommunisten.“ – „Ja wo kommen denn die her? Die gibts doch gar nicht bei uns.“
Maria Lazar ist nach dem Krieg nicht nach Wien zurückgekehrt. Sie litt nicht an Heimweh nach der „wunderschönen großen Vaterstadt, / die ihre Toten selbst ermordet hat“, sondern an einer unheilbaren Knochenkrankheit und setzte ihrem Leiden mit Schlaftabletten ein Ende.

Michael Omasta in FALTER



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