Junge Hunde

Cornelia Travnicek


Der Hund ist tot, die Jugend dahin

In dem berüchtigt schwierigen zweiten Roman widmet sich Cornelia Travnicek der postadoleszenten Identitätsfindung

Für einen Ausschnitt aus dem Roman „Junge Hunde“ wurde Cornelia Travnicek schon vor drei Jahren ausgezeichnet. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2012 erhielt sie, geladen von Hubert Winkels, den Publikumspreis. Die Jury hingegen war geteilter Meinung: Darf Literatur denn schlicht und ergreifend unterhalten, oder muss sie stets auch verstören?
Lobten manche der Kampfrichter den „warmen Pragmatismus der Geschichte“, den „scheinbar naiven Erzählton“, so ging den anderen „das Atmosphärische, die Tiefe, der eigene Ton“ ab. Aber das könne, so meinte einer der Juroren mit freundlicher Herablassung, in diesem Alter auch gar nicht anders sein: Cornelia Travnicek ist Jahrgang 1987. Dass man in diesem Alter durchaus in der Lage sein kann, einen prägnanten literarischen Ton zu treffen, hat erst unlängst Valerie Fritsch (Jahrgang 1989) mit „Winters Garten“ unter Beweis gestellt.

Eine salomonische Haltung einnehmend könnte man behaupten, dass sowohl die kritischen als auch die freundlichen Stimmen im Recht sind. Einer Binsenweisheit zufolge gibt es nichts Schwierigeres im Leben einer Literatin, als den zweiten Roman zu verfassen. Travniceks Debütroman hieß „Chucks“, die Verfilmung ist erst kürzlich in die Kinos gekommen.
Als „poetisch, lakonisch und unsentimental“ beurteilte die NZZ Travniceks Erstlingswerk. Eine Einschätzung, die auch auf „Junge Hunde“ zutrifft – wenn man das „poetisch“ streicht.
Ähnlich wie Fritschs „Winters Garten“ handelt auch „Junge Hunde“ vom Verlust der Kindheit, noch mehr vom Durchleben einer Ausnahmesituation, die als Übergang ins Erwachsenenleben verstanden werden muss. Johanna ist Psychologiestudentin, kümmert sich um viel und um andere, aber ganz offensichtlich zu wenig um sich selbst. Sie ist eine nachdenkliche, beinahe stoische junge Frau, deren familiäre und freundschaftliche Beziehungen sich in Auflösung befinden.

Johannas Mutter hat das Haus im Tullnerfeld und die Familie schon vor Jahren verlassen, um sich in Peru einem Sozialprojekt zu widmen. Der Vater versinkt in seiner Demenz und wird in eine betreute Wohngemeinschaft verfrachtet, auch Bruder Stefan zieht aus.
Es ist an Johanna, sich um Entrümpelung und Verkauf des Hauses zu kümmern, obwohl sie in Wien lebt. Und Ernst, ihr bester Freund und ein Adoptivkind, hat sich auf den Weg nach China gemacht, um dort seine leibliche Mutter zu finden, verliert sich dabei aber selbst. Dann stirbt auch noch Johannas Hund, der sie viele Jahre lang begleitet hat. Sie bestattet ihn im Garten des Hauses – Jugend adieu!
Vor dieser doch recht ungemütlichen Kulisse erzählt Travnicek mit einer Unbeschwertheit, die schon wieder ein bisschen beeindruckend ist, und in einer Sprache, deren besonnene Schlichtheit nicht ohne Eleganz ist. Johanna ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, auch wenn Ernst für seine Erlebnisse in China den Ich-Erzähler geben darf.

Die Handlung selbst ist einigermaßen unspektakulär: „Junge Hunde“ lebt vor allem von seinen kontinuierlichen Rückblenden, die assoziativ gesetzt sind, ohne dass dabei das Gesamtgefüge zerfasert. Ähnlich wie Ernst wird Johanna zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Mann, der sie großgezogen hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Es geht also nicht nur darum, wohin das Personal geht, sondern vor allem darum, woher es kommt.
Travnicek versteht es durchaus, unprätentiöse Lebensweisheiten und populärphilosophische Betrachtungen in ihre leichtfüßige Erzählung einzuschleusen. Aber selbst wenn man sich nicht daran stört, dass an diesem Roman so wenig verstört, beginnt man sich nach halber Distanz doch zu fragen, ob sich nicht vielleicht doch noch die eine oder andere Falltür auftun will. Und falls ja, ob’s da auch ordentlich tief hinuntergeht.
Der Roman verfügt über subtilen Witz, weist Momente der Spannung auf, ist mitunter traurig und hält dennoch Abstand zur Rührseligkeit. File under: Unterhaltung mit Anspruch.

Tiz Schaffer in FALTER



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