Wir zerschneiden die Schwerkraft. Erzählungen

Irmgard Fuchs


Abgelenkt und überqualifiziert – Debüts aus den neuen Literaturverlagen

Die funky Welt der Kasussuffixe im Tschuktschischen bestimmt das Leben des Endzwanzigers Eduard. Er ist Tschuktschologe am – fiktiven – Institut für Sprachen und Kulturen der Arktis in Wien und steht kurz vor dem Durchbruch in der Community der Sprachwissenschaftler. Weil er in Wien zu vielen Ablenkungen ausgesetzt ist, zieht er sich in eine südenglische Kleinstadt zurück, um endlich seine bahnbrechende Studie schreiben zu können. Dass er sein Pensionszimmer umgehend abdunkelt, damit die Außenwelt ihn nicht behelligen kann, hilft jedoch nichts, denn ein Stockwerk über ihm logiert eine junge Frau, die ihn erst nicht in Ruhe und ihm dann keine Ruhe mehr lässt.
„Zuerst der Tee“ ist der erste Roman des Wieners Gábor Fónyad (Jg. 1983), der selbst Sprachwissenschafter ist und als Finno-Ugrist zwar nicht das Tschuktschische, dafür aber die sibirische Sprache Mansisch unterrichtet. Seine Hauptfigur entspricht dem Klischee vom verbohrten, weltfremden Forscher mit leicht zwanghaften Zügen. Manchmal möchte man ­Eduard nehmen und schütteln, aber im Grunde ist er nicht unsympathisch. Fónyad hat eine Parodie auf den ­Wissenschaftsbetrieb und eine ziemlich kitschfreie Liebesgeschichte geschrieben.

„Übergangsinseln“ heißt der letzte und formal auffälligste Text in dem Erzählband „Wir zerschneiden die Schwerkraft“, mit dem Irmgard Fuchs (Jg. 1984) ihr Buchdebüt vorlegt. Er besteht ausschließlich aus Bewerbungsschreiben, die mit „P. Gruber“ gezeichnet sind und die Geschichte der zunehmenden Verzweiflung eines jungen Menschen erzählen, für den es auf dem Arbeitsmarkt trotz eines abgeschlossenen Studiums keine Perspektive gibt, lediglich unbezahlte Praktika oder Ablehnung mit dem Vermerk „überqualifiziert“.
Die Briefserie beginnt mit unterwürfiger Anbiederung – „Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung“ – und endet in blanker Resignation: „Ich bitte Sie, denken Sie sich einfach selber, was Sie gerne hier lesen und über mich erfahren würden (…). Wie fast alle Menschen meines Alters, die keine Wahl haben, bin ich sehr anpassungsfähig und zu fast allem bereit.“
Auch in den konventioneller erzählten Texten geht es bei Irmgard Fuchs meist um Menschen, die darunter leiden, zu viel Tagesfreizeit zu haben und sich ziellos durch die Stadt treiben lassen – oder aber ihre Zimmer kaum noch verlassen. Das Leben ist eine Zumutung? Da hilft nur noch, dem Geschehen groteske Züge zu verleihen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2015



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