Niemand denkt an Grönland

John Griesemer, Ingo Herzke


Guy X

Seine Schauspielkarriere verlief zäh, und so begann John Griesemer Romane zu schreiben, womit er nun umso erfolgreicher ist.

Niemand denkt an Griesemer." John Griesemer hätte sein erstes Buch auch so anstatt "Niemand denkt an Grönland" betiteln können. Denn bis vor kurzem führte der nunmehrige Erfolgsautor eine beschauliche Existenz als mehr oder weniger abgemeldeter Schauspieler, dessen Agent äußerst selten anrief. "Ich war so oft arbeitslos", formulierte der 57-Jährige kürzlich dem Stern gegenüber, "dass ich Zeit hatte, einen Roman zu schreiben." Literatur einmal nicht als Therapie gegen irgendwelche schwer wiegenden Persönlichkeitskrisen, sondern schlicht als Mittel gegen Langeweile.

Sein beschauliches Arbeitspensum - neben kleinen Theaterengagements alle zwei Jahre eine Nebenrolle als Polizist in US-Streifen wie "Days of Thunder" (1990) oder "Malcolm X" (1992) - behielt der Neoromancier bei. Sechs Lenze vergingen, ehe der Erstling "Niemand denkt an Grönland" fertig war, schließlich herrschte kein Grund zur Eile: Es dachte ja niemand an Griesemer. Eine lange Reihe von Absagen später ("Als Schauspieler ist man daran gewöhnt, abgelehnt zu werden") wurde die düstere Militärsatire über eine Kriegsopferendstation zwischen Eisbergen in Grönland schließlich 2001 bei Picador veröffentlicht. Sie sorgte immerhin für so viel Aufmerksamkeit, dass der in der Zwischenzeit fertig gestellte zweite Roman "Rausch" - ein opulentes Sittenbild des 19. Jahrhunderts, verpackt in die Geschichte von der Verlegung des ersten Transatlantikkabels - kurz darauf erscheinen und in den USA ein kleiner Verkaufserfolg werden durfte.

Noch lieber als dort werden John Griesemers Romane allerdings in unseren Breiten gelesen. Ihr Reüssieren am hiesigen Buchmarkt verdankt sich den Bemühungen des Hamburger Marebuchverlags, der fernab ausgetretener Pfade mit literarischen Texten rund ums Meer (etwa David Foster Wallaces Kreuzfahrtbericht "Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich") und die Stürme des Lebens (furios zuletzt Denis Johnsons "Train Dreams") seit drei Jahren tapfer gegen den Strom des Buchmarktes anschwimmt.

Das Potenzial von Griesemers Texten, die wie eigens für das Verlagsprogramm gemacht scheinen, wurde hier sofort erkannt, sodass "Rausch" 2003 schon wenige Monate nach dem englischsprachigen Original "Signal & Noise" in deutscher Übersetzung vorlag. Als glückliche Fügung fand dann auch noch Elke Heidenreich, die mutterhafte Antwort auf Marcel Reich-Ranicki, den geschickt zwischen guter Kolportage und Literarizität balancierenden Roman in ihrer TV-Sendung "Lesen!" total super, und im Handumdrehen war das Buch ganz oben in den Literaturcharts.

Was kann er nun, der Griesemer? Für seine Arbeit als Autor greift der Mann aus New Jersey auf Erfahrungen als Schauspieler zurück und betreibt method writing, bei dem der Stoff die Mittel bedingt. Und seine beiden bislang erschienenen Romane könnten in der Tat unterschiedlicher kaum sein. Auf der einen Seite "Rausch", das mit breitem Pinsel gezeichnete Panoramabild eines ganzen Jahrhunderts, auf der anderen das auf engstem Raum spielende "Niemand denkt an Grönland"; hier ein thematisch aus dem Vollen schöpfender Schreiber, dort ein Minimalist.

Mit "Rausch" wurde der bessere Roman zuerst ins Deutsche übersetzt. Griesemer entwarf ihn als multiperspektivisches Lesevergnügen, das sich gleichzeitig als Sammlung tragischer Lebensläufe und komplizierter Liebeswirren wie als Erzählung über das Ringen um technischen Fortschritt lesen lässt. Wegen letzterem Strang wurde das Buch in Deutschland gerade in der Kategorie "Unterhaltung" zum "Wissenschaftsbuch des Jahres" gewählt. Eigene Forschungen betrieb der Autor für sein Werk zwar nicht, dafür umso mehr Nachforschungen. Und Griesemer ist ein guter Filter, der Gelesenes für seine Belange zu nutzen weiß, stilistisch zwischen dem prallen Erzählen eines Charles Dickens und der postmodernen Prosa Don DeLillos ein sehr gutes Maß findet.

Der nun ebenfalls übersetzte Erstling "Niemand denkt an Grönland" fällt dagegen ein wenig ab. Thematisch steht die an tatsächliche Begebenheiten angelehnte Geschichte von einer geheimen US-Militärbasis in Grönland, wo Ende der Fünfzigerjahre offiziell vermisst gemeldete Krüppel aus dem Koreakrieg ihrem Tod entgegendämmern, in der besten Tradition von Romanen wie Joseph Hellers "Catch-22" oder Kurt Vonneguts "Schlachthof 5". Doch der beißende Witz von deren Kriegs- und Militärabgesängen will Griesemer nicht so recht gelingen. Angesichts des Themas ist die Satire in zahlreichen Passagen zu nahe an der klischeehaften Kasernenklamotte angesiedelt. Wenn Griesemer in "Guy X", der soeben abgedrehten Verfilmung des Buches, wieder mal nicht mitspielen darf, dann ist das also ausnahmsweise vielleicht sogar in seinem Sinne. Zu tun sollte er mittlerweile ja auch so genug haben.

Sebastian Fasthuber in FALTER 52/2004



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