Am Hang

Markus Werner


Iring Fetscher, Doyen der deutschen Politikwissenschaft, über Karl Marx' Wahrheiten, seine Wiener Wurzeln und die Sehnsucht nach freien Tätigkeiten jenseits von Markt und Kommerz.

Iring Fetscher, 82, war Professor an der Universität Frankfurt am Main und gilt als Doyen der deutschen Politikwissenschaften. Fetscher, Mitglied des Parteivorstands der SPD, hat unzählige Bücher über Hegel, Marx, Nietzsche geschrieben. Vor allem seine berühmte vierbändige "Marx-Engels-Studienausgabe" prägte Generationen von Studenten. Lange Jahre vergriffen, wurde die Studienausgabe jetzt wieder neu aufgelegt und von Fetscher um einen fünften Band mit besonders aktuellen Texten - fast ausschließlich von Karl Marx - ergänzt.

Falter: Herr Fetscher, wann haben Sie denn das erste Mal Marx gelesen?

Iring Fetscher: Während des Kriegs habe ich in einem Brüsseler Antiquariat eine Marx-Auswahl in französischer Sprache gefunden.

Falter: Marx war doch verboten unter den Nazis.

Iring Fetscher: Im Antiquariat konnte man alles finden. Leider habe ich den Band nicht mehr, ich glaube das war eine Auswahl aus dem "Kapital".

Falter: Bleibender Eindruck war das keiner?

Iring Fetscher: Ich habe nicht genug verstanden. Mit dem "Kapital" zu beginnen, und das auf Französisch, ist nicht der beste Anfang.

Falter: Wie haben Sie Marx dann entdeckt?

Iring Fetscher: Über den Umweg über Georg Wilhelm Friedrich Hegel und über Georg Lukács' "Geschichte und Klassenbewusstsein". Marx' Frühschriften waren es dann, die mich begeisterten.

Falter: Als junger Mensch liest man Marx vor der Folie eigener Sehnsüchte. Die Passagen über die "Entfremdung des Menschen" rufen mitunter Wünsche nach einem freien, selbstbestimmten, nichtregulierten Leben wach, manchmal auch einen romantischen Vitalismus. Gab es das bei Ihnen auch? Und hat sich Ihre Marx-Lektüre über die Jahrzehnte verändert?

Iring Fetscher: Ja, diese Vorstellung eines nichtentfremdeten Lebens hat mich elektrisiert. Eigentlich ist das auch heute noch das Eindrucksvollste an Marx, dass er sich eine Tätigkeit vorstellt, die nicht fremdbestimmt, nicht entfremdet, nicht mit Unlust verbunden ist. Er wirft dem großen britischen Nationalökonomen Adam Smith ja vor, dass er sich Arbeit nur als Last vorstellen kann. Marx bringt dagegen als Beispiel für erfüllte Tätigkeit das Komponieren ins Spiel. Die meisten Leute, die über Arbeit reden, würden nicht sofort an das Komponieren denken. Dass Marx sich das für alle Menschen vorstellte, hat mich sehr beeindruckt.

Falter: Die Kehrseite davon ist, auch heute, dass viele junge Leute zwar "ihr Ding" machen wollen, es gleichzeitig aber den stummen Zwang der Verhältnisse gibt, die Totalkommerzialisierung, die dem engste Grenzen setzt. Wie war das bei Ihnen?

Iring Fetscher: Ich habe das Glück gehabt, dass ich als Hochschullehrer und Schriftsteller immer in einer privilegierten Position war und die Dinge Anfang der Nachkriegszeit auch einfacher waren: Man konnte sich ja praktisch aussuchen, was man machen will.

Falter: Ihrer vierbändigen Studienauflage, die selbst schon ein Klassiker ist, haben Sie jetzt einen fünften Band zugesellt - der heißt "Prognose und Utopie". Damit zielen Sie weniger auf Marx' Vorstellung von der Naturnotwendigkeit der Revolution, sondern auf sein prophetisches Genie, was die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus betrifft.

Iring Fetscher: Der Irrtum von Marx besteht eigentlich nur darin, zu glauben, dass das Ende kapitalistischer Dynamik knapp bevorsteht - dabei war sie gerade erst losgegangen und hat inzwischen Gebiete erreicht, von denen Marx sich gar nicht vorstellen konnte, dass sie kommerzialisiert werden könnten. Es gibt ja nichts mehr, was nicht in die Warenproduktion einbezogen ist, nehmen wir nur die Unterhaltungsindustrie. Alles ist Business. Die andere Seite ist die, die ich die utopische Seite nenne. Marx ging davon aus, dass der Kapitalismus den Reichtum und damit die Bedingung schafft für eine freie Tätigkeit, die dann nicht mehr kommerzialisiert ist und zu der man nicht gezwungen ist, um einen oft kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen.

Falter: Er hat diese permanente Landnahme durch die kapitalistische Warenproduktion aber nicht in Form einer Jeremiade beschrieben, Marx war davon im Gegenteil sehr fasziniert, er hat dem Kapitalismus eine ungeheure zivilisatorische Kraft zugeschrieben.

Iring Fetscher: Ja, dieser Entwicklungsschub war für ihn die Voraussetzung für eine bessere Welt.

Falter: Er hat den Kapitalismus bewundert!

Iring Fetscher: Selbst die größten prokapitalistischen Ökonomen haben den Kapitalismus nicht derart begeistert beschrieben wie Marx. Das überrascht viele, die Marx nie gelesen haben.

Falter: In mancher Hinsicht ist Marx geradezu verstörend aktuell - etwa, wenn er in schönen Wendungen die Dilemmata des Kapitalismus beschreibt. So wünscht jeder Kapitalist, dass die Arbeiter viel Geld zum Konsumieren haben, außer seine eigenen - die sollen möglichst billige Arbeitskräfte sein.

Iring Fetscher: Das ist heute so eklatant wahr, dass man sich fast scheut, es als irgendwie originelle Erkenntnis vorzutragen.

Falter: Leider hat Marx auch grandios geirrt. Die Gesellschaft, in der die "freie Entwicklung eines jeden" garantiert ist, blieb ein Blütentraum. Utopie ade?

Iring Fetscher: Er hat das revolutionäre Potenzial des Industrieproletariats überschätzt. Und er hat eine falsche Analogie zwischen der vergangenen bürgerlichen und der prophezeiten proletarischen Revolution konstruiert. Den großen Sprung ins Reich der Freiheit gab es nicht. Daraus ziehen viele den Schluss, dass alles so weitergeht, dass wir uns nur mehr einfach weiterwursteln können. Ich meine: Dazwischen muss es ein Drittes geben.

Falter: Was wäre das Dritte?

Iring Fetscher: Eine schrittweise Transformation der Gesellschaft - in Richtung der Verbesserung der Lebensbedingungen für alle. Dazu gehören: Arbeitszeitverkürzung, Zugang zu höherer Bildung, eine andere Form von befriedigender Tätigkeit als nur das Eingesperrtsein in den Zwang zur Lohnarbeit. Tätigkeiten jenseits der Marktzone. Manche sagen gern, jedes Kind ist ein Künstler, und das wird dann zerstört. Natürlich schwingt da ein naiver Utopismus mit - aber irgendetwas ist da ja auch dran.

Falter: Heute wächst zumindest ein Unbehagen. Es gibt die Antiglobalisierungsbewegung, mit Kapitalismuskritik kann man Bestseller und sogar Kassenschlager im Kino wie derzeit "Die fetten Jahre sind vorbei" landen. Und es gibt fast eine kleine Marx-Renaissance.

Iring Fetscher: Zumindest könnte man Marx anders lesen, als man das bisher getan hat. Das ist es auch, was ich in dem fünften Band versuche, zu transportieren: dass es mit der Begeisterung für die kapitalistische Dynamik nicht getan ist und wir uns von ihren Exzessen befreien müssen.

Falter: Ihr Vater stammte aus Wien, war Mediziner, wurde dann auch ein bedeutender Dresdner Iring Fetscher: In Dresden habe ich die ersten achtzehn Jahre gelebt. Mein Vater hat mich stark geprägt. Er war literarisch sehr interessiert. Er hatte auch diesen Wiener Akzent und diese österreichische Höflichkeit.

Falter: Ihr Vater hat in Dresden Juden bis 1945 medizinisch versorgt, was damals streng verboten war. In den berühmten Tagebüchern Victor Klemperers kommt er immer wieder vor. Er stand in scharfer Distanz zum Regime und wurde auf tragische Weise am allerletzten Kriegstag, am 8. Mai, erschossen.

Iring Fetscher: Wir hatten immer zu Neujahr das Glas darauf erhoben, dass die Nazityrannei zu Ende geht: "Auf den Tag", haben wir gesagt. Es wurde dann der Tag, an dem er selbst getötet wurde. Aber immerhin: Er hat den Tag, den er herbeisehnte, noch erlebt.In seinen aufwühlenden "Fitzcarraldo"-Protokollen erweist sich Regisseur Werner Herzog als der andere Klaus Kinski.

Wir haben es fast geahnt: Der Verrücktere des Kinopaars Herzog/Kinski war womöglich sogar der Regisseur. Nicht genug, dass er sich den verhaltensauffälligen Mimen immer wieder antat und ihn zu einigen seiner besten Filmmomente inspirierte - nein, man muss sich Werner Herzog generell als masochistisch veranlagten Zeitgenossen vorstellen.

Jahrelang lebt der heute 62-Jährige freiwillig unter kaum vorstellbaren Umständen im Grenzgebiet von Peru und Ecuador, de facto verarmt, in den Medien als Sklaven haltender Ausbeuter verleumdet, in Filmkreisen verspottet. Der Sturschädel leidet unter all dem, aber es ist ja für die Kunst. Zur Realisierung maßloser Visionen, allen voran die Wanderung eines Schiffs über einen Berg ("ein Bild, das in allen von uns schlummert"), setzt sich Herzog einem Leben fernab zivilisatorischer Mindeststandards und am Rande des Irrewerdens aus. Und findet das irgendwie auch noch gut: "Die Nacht neulich war so direkt und physisch, dass ich noch keinen Mut aufgebracht habe, sie zu beschreiben, weil ich mich davor fürchte, es könne etwas anderes als Schlafwandeln gewesen sein."

Es sind die alten Gegensätze von Traum und Wirklichkeit, Vernunft und Gefühl, Leben und Kunst und deren wechselseitige Durchdringung, die Herzog antreiben, inmitten chaotischer Zustände am Rande eines Krieges seinen "Fitzcarraldo" (1982) zu realisieren - einen Film, der den Ambitionen seines Titelhelden, ein Opernhaus mitten im Amazonasdschungel zu errichten, an Hybris und Größenwahn kaum nachsteht. Zu den zahllosen Unsicherheitsfaktoren des Filmprojekts zählt auch die Besetzung: Mario Adorf springt während der Produktion verängstigt ab, Mick Jagger kommt, muss aber zu einer Stones-Tournee und wird aus dem Drehbuch geschrieben. Erst ziemlich spät stößt - sozusagen als Notnagel - Klaus Kinski dazu.

Wer sich von dem Buch neue Humorattacken wie aus Herzogs Kinski-Film "Mein liebster Feind" erwartet, den wird dieses Buch eher enttäuschen. Kinski tritt in der "Eroberung des Nutzlosen" nur als Komparse auf, in der Rolle des berechenbaren Brüllaffen, der entweder tobt oder Fieberanfälle vortäuscht. Dafür darf vermeldet werden: Werner Herzog ist auf seine stillere, nachdenkliche Art auch nur ein Kinski. Im Laufe seiner tagebuchartigen Aufzeichnungen steigert er sich immer öfter in reichlich unfassbare Formulierungen hinein, wie man sie eher von seinem langjährigen Leibmimen erwarten würde. "Ich schrak hoch, weil mich die Bäume anschrieen", heißt es da über einen besonders schlimmen Abend. "Schreien mich jetzt schon die Bäume an?" Manchmal ist es dann doch ziemlich lustig.

Am Ende überquert das Schiff den Berg. Herzogs Traum, der nicht einmal seinen nächsten Vertrauten verwirklichbar erschien, ist Realität geworden. Von Erlösung jedoch keine Spur: "Es gab keinen Schmerz, keine Freude, keine Erregung, keine Erleichterung, kein Glücksgefühl, keinen Laut und auch kein tiefes Durchatmen. Es war nur das Begreifen einer großen Nutzlosigkeit, oder genauer, ich war nur tiefer in ihr geheimnisvolles Reich eingedrungen."Neben dem Österreicher Gernot Wolfgruber (siehe Falter 51/04) feiert dieser Tage noch ein zweiter bedeutender Autor deutscher Sprache seinen sechzigsten Geburtstag: der Schweizer Markus Werner - auch er dem Getöse des Marktes und Betriebs abhold. Der Titel seines jüngsten Romans, "Am Hang", wäre kein schlechtes Motto für die sieben Romane, die der ehemalige Gymnasiallehrer bislang vorgelegt hat: Abhänge und -gründe tun sich in den Biografien seiner Helden bald einmal auf, aber Werner ist ein zu diskreter Autor, als dass er mit geografischem Pathos um sich würfe. Diskret geht er es auch in seinem jüngsten Buch an, in dem der Icherzähler Clarin, 35, ins Tessin fährt, um einen juridischen Aufsatz zu schreiben. Zunächst aber nimmt er auf der Bellevue-Terrasse Platz und kommt dort mit dem um einiges älteren Loos ins Gespräch. Die beiden Herren sind sich nicht unsympathisch und kommen bald heftig ins Parlieren, wobei sich das Gespräch hauptsächlich um Frauen dreht: Clarin entgeht dem "Fluch der Treue" durch eine sorgsam geplante Abfolge von Trennungen, Loos widerspricht dessen Auffassung von "Zweierpein" heftig - er ist über den Tod seiner Frau nie hinweg gekommen. Die Frage nach der Möglichkeit dessen, was irgendwann einmal unter dem scheußlichen Namen "Zweierbeziehung" von sich reden machte, hat Werner schon in seinem nun neu aufgelegten Debüt von 1984 beschäftigt, wobei "Zündels Abgang" weniger (lebens)philosophisches Kammerspiel ist, als die Geschichte eines überm beziehungspragmatischen Alltag (die Freundin braucht "Distanz") zusehends verstörter werdenden und - sich selbst wie der Welt - abhanden kommenden Gymnasiallehrers. Wollte ich einem der beiden Romane den Vorzug geben, so wäre es der "Zündel", dem die etwas forcierte Pointe von "Am Hang" fehlt, der allerdings bereits jene in der Verkleidung des Obsoleten auftretende, aber gänzlich unverschmockte rhetorische Raffinesse aufweist, die Werner zu einem großen Stilisten macht. So abgründig leicht, so unbillig ironisch ist über männliche Larmoyanz (und was daran nicht nur wehleidig ist) wohl noch selten geschrieben worden.

Robert Misik in FALTER 52/2004



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