Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Clemens J. Setz


Die Schwarten der Saison

Lesemarathonis haben diesen Herbst die Auswahl: 1021 Seiten Clemens Setz oder 832 Seiten Jonathan Franzen. Muss man da durch? Am Ende gar beide Romane lesen? Und wie stehen die Chancen auf ein „Reader’s High“?

Natalie Reinegger tritt mit 21 ihre erste Arbeitsstelle als Behindertenbetreuerin in einem Heim für betreutes Wohnen in Graz an. Sie hat eine schwierige Jugend hinter sich, litt bis vor ein paar Jahren unter Epilepsie („Grand-Mal-Anfälle“) und hat eine Zeitlang in einer Sekte verbracht. Zu den Eltern gibt es kaum Kontakt, ihr Bruder lebt in Dänemark. Und Exfreund Markus ist nur noch ein geduldeter Chat-Kontakt.
Als Ersatzfamilie dient ihr ein Open-Space-Lokal im Souterrain eines Hauses, eine Mischung aus Partykeller und Zufluchtsort für junge Obdachlose und Außenseiter. Hier kommt es zu kurzen, zwanglosen Kontakten zu Männern. Wenn ihr danach ist, lässt Natalie in einer Nacht schon einmal drei Typen in ihren Mund (Wer schon „Die Frequenzen“ gelesen hat, darf dem Autor langsam eine Oralfixierung unterstellen). Ab und zu strömt ein Gefühl von „Aurigkeit“ durch ihre Hände und Fingerspitzen, das Vorzeichen eines nahenden Grand-Mal-Anfalls.

Die perfekte Heldin
Dagegen sowie gegen anderes Unwohlsein hat Natalie verschiedene Strategien entwickelt. Beruhigende Wirkung haben auf sie Livesendungen im Fernsehen („Das Internet war auch live, aber es fühlte sich gleichzeitig an wie etwas Riesiges, das meistens tief schlief und nur punktweise geweckt werden konnte“), gefüllte Kondome, Avocado-Nudelsalat sowie Gespräche mit dem Cleverbot, einer Künstliche-Intelligenz-Dialogmaschine, die sich aus einem riesigen Pool an Konversationen zwischen echten Menschen bedient – und daraus ziemlich gute automatische Antworten generiert. In der Früh liest Natalie gern auch einmal alte Unterhaltungen auf ihrem iPhone nach. Überhaupt scheint ihr Chatten die bessere Erfindung zu sein als das mündliche Gespräch: „Man konnte im Gesprächsverlauf zurückgehen, und da stand alles schwarz auf weiß. Es gab nie diesen saudummen Moment, wenn einer sagt: So hab ich das nicht gesagt – und man sich dann streiten musste, wer recht hatte.“
Kurz: Sie ist in ihrer Schrägheit – sie erscheint gleichzeitig weltfremd und weltgewandt, abgedreht, aber auch bodenständig – eine perfekte Heldin und Erzählerin für einen Roman von Clemens J. Setz.
Was dem Autor im Gegensatz zu früheren Romanen hier weitaus besser gelingt, ist das Fokussieren: Es gibt in „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ nur Natalies Erzählperspektive, und das Buch kommt trotz seiner beträchtlichen Länge ohne die bemühten Abschweifungen aus, die einem die Lektüre von „Die Frequenzen“ (700 Seiten) verleiden konnten.
Warum hat der Roman dann über 1000 Seiten? Setz baut bedächtig eine unheimliche Dreieckskonstellation auf, die auch einem Psychothriller entsprungen sein könnte. Nur dass es bei ihm nicht um grelle Effekte, Schock und das Fließen von Blut geht, sondern um subtile, aber umso perfidere Grausamkeiten, um das langsame Anziehen von Schrauben, um Manipulation und seelischen Sadismus.
Körperliche Gewalt findet sich in dem Buch dagegen nur wenig. Bei ihrem Dienstantritt in der Villa Koselbruch wird Natalie gleich ein schwerer Fall zugeteilt. Ihre Chefin Astrid, die 24 Stunden im Haus zu sein scheint, macht sie zur Betreuerin (oder „Bezugerin“) eines im Rollstuhl sitzenden Heimbewohners („Klienten“).
Der Mann heißt Alexander Dorm, ist um die 30, sieht ein bisschen aus wie Eminem und hasst Frauen über alles. Er vergleicht sie mit Gitarren: „(D)ie Form sei falsch und auch die Verteilung des Gewichts, Frauen seien überhaupt nur hohle, unerträgliche Dinge.“ Dorm hat auch schon eine Frau auf dem Gewissen. Als er sich vor Jahren unsterblich in einen Mann verliebte und zu dessen Stalker wurde, schoss er sich in seinen Drohbriefen auf dessen Ehefrau ein. Sie hielt dem Psychoterror nicht stand und beging Selbstmord.
Das wirklich Bizarre an der Geschichte sind die Nachwirkungen: Christopher Hollberg, Dorms Objekt der Begierde, besucht seinen einstigen Stalker nun schon seit Jahren jede Woche im Wohnheim. Natalie begleitet die beiden bei ihren Spaziergängen. Von Beginn an findet sie das Arrangement, das außer ihr niemand im Haus groß zu hinterfragen scheint, pervers. Denn entweder sagt es aus, dass der Stalker gewonnen hat, oder aber, was ihr wahrscheinlicher erscheint, dessen Opfer übt ganz langsam, fast wie in Zeitlupe Rache. Während Dorm bei den Besuchen vor Liebe und Unterwürfigkeit zerfließt, wird Hollberg nämlich verbal immer wieder grob, verhöhnt den Rollstuhlfahrer als „Superman“ (man erinnere sich an Christopher Reeve) und macht ihn mit Natalie eifersüchtig.
Diese fühlt sich wiederum von Hollberg bedroht. Er ruft sie immer häufiger an, schickt SMS und taucht eines Tages sogar vor ihrem Haus auf. Direkte Drohungen freilich stößt er nie aus, er spricht stets nur in Andeutungen oder höchst doppeldeutig. Stellvertrend für den Leser und gemeinsam mit ihm hat Natalie an seinen Aussagen einiges an Interpretationsarbeit zu leisten.

Keine Angst vor Setz
Im zweiten Teil des Romans verengt sich ihre Perspektive immer mehr auf den Konflikt mit Hollberg. Es ist keine Zeit mehr für nächtliches Streunen oder Skype-Chats, der Job und seine massiven Belastungen drohen die Heldin aufzufressen. Aber sie hält dagegen und lässt sich nicht unterkriegen, auch wenn sie niemanden hat, der ihr wirklich zu­hört oder dem sie sich ganz offenbaren kann.
Die Bücher von Clemens J. Setz muten bisweilen so an, als habe der Autor die abseitigeren Bereiche des Internets abgesurft und würde einem die Perlen seiner nächtlichen Streifzüge hinterher erzählen.
Im neuen Roman geht ihm nun auch auf, was er schon zuletzt in „Indigo“ versuchte: Er findet für die zahllosen Erstaunlichkeiten, die er in seinem Kopf abgespeichert hat, eine Struktur und präsentiert sie im Zusammen­hang einer großen, fesselnden Geschichte.
Drei, vier Gründe, warum man vor dieser Schwarte keine Angst haben muss: Sie ist sprachlich überraschend einfach gehalten und sehr gut lesbar. Wenige Romane sind, was moderne Kommunikation und Technologie betrifft, derart auf der Höhe der Zeit. Bei allem Horror ist die Geschichte manchmal auch lustig. Und das Killerargument: Es treten nicht nur viele unsichtbare Tiere auf, es gibt auch Katzen-Content.

Sebastian Fasthuber in FALTER 37/2015



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×