Die Mannschaft

Friedrich Torberg


Friedrich Torbergs Roman "Die Mannschaft" von 1935 ist sehr langatmig - und ziemlich interessant.

Der Molden Verlag hat 25 Jahre nach dem Tode Friedrich Torbergs dessen Roman "Die Mannschaft" wieder aufgelegt. Das Buch erschien erstmals 1935. Damals war Torberg 27, fünf Jahre zuvor hatte er, gefördert von Max Brod, sein Debüt vorgelegt: "Der Schüler Gerber hat absolviert". Ein Jungstar also, würde man heute sagen; und vielleicht hätte auch Torberg schon so geredet, er kannte sich nämlich aus in den Redensarten, die damals rund um den Sport entstanden und von da aus via Rundfunk und Presse ihren Siegeszug durch die Alltagssprache antraten. Torberg, Geburtsname Kantor, war, bis er 1938 emigrieren musste, unter anderem Sportreporter - und überdies einer, der bereits auf eine erfolgreiche Karriere als Schwimmer und Wasserballer zurückblicken konnte. "Die Mannschaft" ist dann auch, sicher hochgradig biografisch unterfüttert, der Roman eines Sportlerlebens und der Roman des Aufstiegs und der Wandlungen eines Wasserballteams.

Es gibt einen Grund, diesen 464 engst bedruckte Seiten umfassenden Roman nicht wieder zu lesen. Denn obwohl (so das unverschämt knappe Nachwort) gegenüber der Erstausgabe gekürzt, ist er doch in einem manchmal enervierenden Grade langatmig. Was da alles und wie "umständlich" geschildert wird: die Entwicklung des zehnjährigen Harry Baumester vom Lumpenball-Stadtpark-Kicker zum philosophierenden Kapitän eines Wasserball-Zentralgau-Meisters - das bringt einen oft genug in die Versuchung, weiterzublättern, bis das jeweils nächste Spielergebnis feststeht. Da möchte man zum Lektor werden und mit blutig rotem Stift die ganze Chose auf einen 200-seitigen fetzigen Sportreißer zusammenstreichen.

Aber das würde nicht gelingen! Und über dieser vergeblichen Arbeit würde man (wie bei ruhiger Lektüre) begreifen, dass es eine Reihe von sehr guten Gründen gibt, "Die Mannschaft" eben doch wieder zu lesen. Wenn nämlich der Spannungsbogen dieses Romans manchmal beinahe unerträglich gedehnt wird, um sich dann wieder in einer Match-to-Match-Dramaturgie zu verknoten, dann ist das eben einem Thema geschuldet, das heute so unauffällig ist, wie es damals neu und berauschend und mit dem ganzen Zeitbewusstsein aufgeladen war: dem Sport.

"Die Mannschaft" ist kein Bildungs-, sondern ein Trainingsroman. Zu den möglichen Lebensentwürfen für einen Jungen und jungen Mann ist seit dem Ende des Weltkriegs die Sportkarriere getreten. Unerhörtes und wahrhaft Spektakuläres wie Populäres kann einem da in einer Zeit widerfahren, die bislang dem Lernen und Ducken vorbehalten war; man kann jetzt mit 23 "auf der Höhe" von etwas sein und mit 27 ein ganzes Leben nicht vor sich, sondern schon hinter sich haben. Der Wasserballer Harry Baumester ist so einer, ein ganz früher Sport-, also Popstar, und überdies ein intelligenter junger Mann, der den Zusammenhang von Sport und Leben und insbesondere die Idee der "Mannschaft" mit manchmal selbstzerstörerischer Intensität reflektiert.

Das ist trotz, manchmal sogar wegen seiner Langwierigkeit aufregend zu lesen: Es zeigt alle Selbstverständlichkeiten der sport- und popbeherrschten Gegenwart in dem Status ihres Ersterscheinens. Es zeigt auch, wie nah uns die Dreißigerjahre bewusstseinsgeschichtlich tatsächlich sind, eine Zeit, die man gerne als Ort des Generalirrtums aus der Geschichte herausstanzen möchte. Friedrich Torberg, der als Autor unverdächtiger nicht sein kann, der Barbarei irgend Vorschub geleistet zu haben, schildert in seinem Roman sogar, wie die Sport- und damit die Jugendbegeisterung und auch die Begeisterung für Mannschaftlichkeit und Kampf ein fundierendes Element des Zeitgeistes werden. Nirgends, so Torberg später, habe er sich als Jude so selbstverständlich wohl gefühlt wie in dem jüdischen Sportverein, der mit größter Selbstverständlichkeit gegen die anderen österreichischen Klubs antrat. Und berühmt das Wort vom Schriftstellerkollegen Neumann, der Torberg nach Lektüre der "Mannschaft" einen Wasserballer nannte, der sich als Kaffeehausjude ausgebe.

Aber doch noch ein Wort zu Länge und Langwierigkeit des Textes. Ich glaube, zu Beginn des Romans experimentiert Torberg noch mit dem Material Sport und seiner teils klassisch sich rundenden, teils expressionistisch zerstückelten Dramaturgie. Es gibt im Sport Sieger und Besiegte, es gibt scheiterndes Leben und untergehende Helden wie in der Tragödie; es gibt aber auch die hektische, unindividuelle und der schieren Bewegung verfallene, ja aller Versprachlichung sich entziehende Körperlichkeit. Solange es in der "Mannschaft" um Fußball geht, scheint Torberg noch nicht recht zu wissen, wie er mit diesem disparaten Überangebot von Stoff und Form umgehen soll. Doch sobald er sich in seine eigenen Wasserballerfahrungen stürzen kann, gelingen ihm wahrhaft furiose Konstruktionen aus klassischer Außen- und expressiver Innensicht. Souverän bricht er in Spiele und Saisonverläufe ein und steigt wieder aus ihnen empor. Das mitunter anstrengende Kommen und Gehen und Verlöschen von Figuren ohne echte Entwicklung gibt die Mutationen des Organismus "Mannschaft" wieder, in dem Individualität eine Art notwendiger Störfaktor ist.

Und schließlich weiß der Sportreporter Torberg 1935 noch sehr genau, dass seine topaktuellen Redensarten zwar einen beinahe avantgardistischen Zeitgeist vermitteln, dabei aber zum großen Teil aus der ältesten Phrasenkiste der Presse stammen. Und so steht der bisweilen arg prätentiös auf Gänsefüßchen daherkommende Kommentatorenjargon einerseits fremd im Romantext, andererseits entfaltete er bereits seine Kraft, die Alltagssprache durch und durch zu prägen. Ich wiederhole es: ein Buch über die durchtrainierten Beine der Riesen, auf deren Schultern wir stehen. Wir Zwerge.

Burkhard Spinnen in FALTER 51/2004



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