Gesammelte Gedichte. 1939–2003

Friederike Mayröcker, Marcel Beyer


Am 20. Dezember feiert die Grande Dame der österreichischen Literatur ihren achtzigsten Geburtstag. Eine neue Ausgabe ihrer Gedichte zeigt ihre verblüffende Vielfalt zwischen Surrealismus, Sprachexperiment und Klassizität.

Es wäre ein Leichtes, sich über die aus dem August 1939 stammenden Jugendgedichte von Friederike Mayröcker lustig zu machen:
"metallisch klingt der Morgen auf
ein Sehnen faszt die Welt
da stürzen Lüfte sich zuhauf
von Silberseen umwellt."
Was die 15-jährige Wienerin am Vorabend des Zweiten Weltkrieges in Eichendorff'scher Manier dichtet, ist - abgesehen vom romantisch verpackten Bezug auf die heraufziehenden Stahlgewitter - retrospektiv gesehen der erste und zugleich höchst selbstbewusste Schritt zu einer nachhaltigen Einübung ins Unvermeidbare: das Gedicht.

Die Biografie kurz gefasst: 1924 geboren, ab 1946 im Schuldienst, 1969 davon beurlaubt, seitdem freie Schriftstellerin. Für ihre Gedichte, Prosa, Bühnentexte, Hörspiele und Kinderbücher erhielt Friederike Mayröcker zahlreiche nationale wie internationale Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis. Das in sechs Jahrzehnten entstandene, rund tausend Gedichte umfassende Œuvre der Friederike Mayröcker wurde jetzt anlässlich ihres achtzigsten Geburtstages von Marcel Beyer neu herausgegeben.

Auch wenn sich auf den 850 Seiten Zeilen wie folgende finden:
"Hölzern wirkt der Astronaut
wenn er aus dem Walde schaut"
oder
"winzig war das Pantheon
winzig war die Butter
aber meine Tante - ooohn!
frasz nur Vogelfutter"
- typisch für Mayröcker sind dergleichen Scherzgedichte und Kalauer nicht. Im Gegenteil, sie gilt als schwierig, hermetisch, dunkel, und es sind auch ihre vorgeblich düsteren Texte, die sie zu einem beliebten Objekt obskurer germanistischer Begierden werden ließen: als Beweismittel für avancierte Poetik und die Tragfähigkeit diverser Theoriengebilde sowie deren dichterische Überwindung. Lesen kann man die Mayröcker trotzdem: als eine Bewegung von traditoneller Natur- und Liebeslyrik über Surrealismus und experimentelle Dichtung hin zu einem hohen, fast klassisch anmutenden modernen Gedicht in jüngster Zeit.

Epigonal war Friederike Mayröcker bei all dem nie, auch wenn ihr Dichten in den Fünfzigern mit vielen Erleuchtungen, Engeln und zyklamfarbenen Blicken raunend beginnt:
"siehst du den Abendstern? ich sehe
hörst du den Wind? ich höre
fühlst du die ewigkeit? ich fühle ..."
Auch wachsen viele Hortensien und Rosen durch das Gedicht; das rasche Andocken an den Surrealismus aber, die mächtigste internationale künstlerische Strömung jener Zeit, sowie das Umfeld der Wiener Gruppe ersparen Autorin wie Leser jenen Kitsch, den zur selben Zeit ein Paul Celan oder eine Ingeborg Bachmann produzieren.

Wenn die Hauptschullehrerin Mayröcker von Medea spricht, wirkt das nicht symbolistisch; werden Claude Debussy oder Aaron Copland genannt, wirkt das nicht betulich. Schwarzer Humor, mit dem am Ende der Nachkriegszeit und der beginnenden Frauenemanzipation der "Tod durch Musen" beschworen wird, ist früh von Belang. In "The last Round-up oder Kitti-Kitt" heißt es:
"fangen wir von neuem an
Luftballon im Totenzimmer
ach die toten Frauenzimmer
nymphoman nymphoman
fangen wir von neuem an."
Das "ich liebe dich" wird als "Gebetsmühle für den Tag unserer gemeinsamen Aktion" tituliert.

Die anfänglich schrittweise, bald in rasantem Tempo sich fragmentierende poetische Rede der Mayröcker, die eigentlich immer ein dichterischer Liebesdiskurs ist, klingt in den Sechzigerjahren so:
"Komm ich führe dich ich geleite dich ich nehme
dich mit
in den Lerchenschlag in das beschattet Auge von
Siena
in den gemähten Tulpenwald in die sinkenden
Katakomben".
Das Liebeslied, das zugleich immer ein Todeslied ist, endet mit:
"ich nehm dich mit
mit dir überall hin
ich fürchte mich nicht
mit dir überall hin überall hin".

Zwar treiben in den Textmäandern auch zahlreiche zähflüssige Symbole wie die "trauerreiche Muschel" oder eine "Hiobs-Palme aus Händen"; mitunter reimt sich auch ziemlich kühn Eichkatze auf Postkasten; vor allem aber hebt jene verrückte und verzückte Rede an, die bis heute nicht mehr verklungen ist:
"du Schneefeld!
Laubgeraschel!
Turmvogel!
Brunnenwinde!
Schnee-Beil!
vergrabenes Glück!"
Auf das Glück wird so lange eingeredet, bis es sich ausgräbt und blüht. "lasz dich beschlafen mein Wild mein Reh lasz dich beschlafen mein Liebster".

Kehrseite und Sackgasse dieses überquellenden Sprechens à la Diotima sind Texte, die auf zehn, 15 Seiten Länge die ohnedies längst hinfällige, traditionelle Unterscheidung von Lyrik und Prosa hinter sich lassen und als polyphones sowie polyglottes Stimmengewirr den Leser gehörig ins Freie setzen:
"ibisse-feuerlook-frisée
in könik-lichter erwartung
(punkt null)
das donauknie
der rathausmann
à la jolie madame
(ahnung davon!)
tonheizers rosenmund:
,la plus belle chose du monde et le secret doux'
,avec ton amour tu me fais heureux tourjours.'".

Auch wenn hier etwas wie Liebe und Exil beschworen werden, der Leser wird zum "Ostereiersuchen nach dem Sinn" (Oswald Wiener über Arno Schmidt) vergattert. Umso überraschender ist es dann, dass sich Friederike Mayröcker nicht nur an sehr einfachen konkretistischen Bildtexten versuchte, sondern im Mai '68 mit "Liebesgrüsze Linz" auch augenzwinkernd politisch engagierte:
"Als die Lokomotive Junge kriegte
sagte sie zum Linzer Singverein
schnallt euch eine enjambierte
Taube um die Wiese
laszt uns bis in unsre Garnituren fröhlich
sein."

In den Siebzigerjahren wird die therapeutische Sprachverwirrung auf die Spitze getrieben. Die Buchstaben verlieren ihre Festigkeit, der inflationäre Gebrauch von Klammern, Strichpunkten und Gedankenstrichen ist mitunter nichts als mühselig-manierierte Begleitmusik, das völlig zersplitterte lyrische Ich zerrinnt wie der Leichnam der dahingeschiedenen experimentellen Dichtung.

In den Achtzigerjahren, zu einer Zeit, da Gedichte endgültig als verbrauchte Spezies von Literatur angesehen wurden, erfolgt eine Rückkehr zu einfacheren Formen. Titel wie "vom Tode" oder "Meeres Welt" haben Hölderlin'sche Dimensionen und den entsprechenden Klang; neben depressiven Idyllen und zahlreichen Betrachtungen zum eigenen Altern - Seele und Leib sind "2 feuchte Lappen" - stehen Erinnerungen an die eigene Kindheit und an die Eltern. Über die Mutter heißt es da:
"wie alt bin ich denn jetzt?
es fiel ihr nicht ein, erzählt sie, aber
anstelle des Alters die Uhrzeit, halb-
sieben, statt fünfundsiebzig

und vergisz bitte nicht auf die
Fliegerschokolade ruft sie,
wenn du mich wieder besuchst".

Vor allem entstehen jetzt subtile Stillleben und Naturbetrachtungen, Friederike Mayröcker scheut sich auch nicht - dichterisch unzeitgemäß - den "Bruder Amsel" direkt anzusprechen, der an "mildem Frühlingsabend blaszviolett" vom kommenden neuen Leben kündet. Neben der Bildhauerei ihrer großen Prosa (wie sie diese selbst charakterisiert) aquarelliert sie unzählige, explizit bukolische Reise-Bilder:
"von Blumenfeldern umfächelt die Stirn im
westlichen Windhauch
ein weiszes Schiff einen Augenblick lang steht
steht still auf der Anhöhe".

Wie souverän Friederike Mayröcker in ihrem achten Lebensjahrzehnt dichtet, zeigen die fast konventionell anmutenden Gedichte aus der jüngsten Zeit. In "Lebenslauf" entwirft sie ein Selbstporträt der Dichterin als alte, kinderlose Frau, sie greift das traditionelle Vanitasmotiv des Spiegels auf und schreibt es bis zu ihrem eigenen Verschwinden zu Ende:
"während ich meine
mich demütigende Häszlichkeit in einem
Spiegel."
Das abschließende "sehe" fehlt, Original und Abbild sind verschwunden, was bleibt, ist die klagende Stimme in die Leere.

Das ist mehr als "ut pictura poesis", die Lösung der Bildhaftigkeit in der Literatur. Und von unüberbietbarer Meisterschaft ist das letzte Gedicht des Bandes "unter Bäumen Tränenmorgen", eines der zahlreichen Requien für Mayröckers Lebensmenschen Ernst Jandl(s.u.): Der größte denkbare Ausgriff der Dichterin über den eigenen Tod hinaus, der Versuch, sich die Welt ohne sich selbst vorzustellen, wird mit der Erinnerung an den Geliebten zu einem Bild von geradezu elysischer Selbstgenügsamkeit verknüpft.

Wo auch immer so gesprochen werden mag, Friederike Mayröckers Gedicht verfügt hier über lazarenische Macht. Wendelin Schmidt-Dengler bezeichnete das Duo Mayröcker/Jandl (mit dessen Namen die "Gesammelten Gedichte" auch enden) einmal als eine der größten Liebesgeschichten der Weltliteratur - in diesem Gedicht ist der Tote auferstanden. Um seinetwillen wurde die Litanei des "ich liebe dich" angestimmt; ob die Auferstehung tatsächlich erfolgt, ist in Anbetracht dieses Textes fast gegenstandslos. Gegenstandslos, das heißt jenseits der Gegenstände, Klang nur noch und Fülle, voll wie das Glück - zugleich die absolute Definition des Gedichts.


"unter Bäumen Tränenmorgen"

unter Bäumen saszen wir und Waldes Brausen unter

Bäumen sprachen zu einander schwiegen blickten

in den Wald der schon die Blätter warf und fegte

Lindenblütenblätter auf den Wegen unter Bäumen saszen

wir und schwiegen unter Bäumen ich allein und

schweigend ohne dich unter Bäumen du allein und

schweigend ohne mich.

für Ernst Jandl

Erich Klein in FALTER 51/2004



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