Leben der kleinen Toten

Pierre Michon, Anne Weber


Pierre Michons wunderbare biografische Miniaturen hauchen kleinen Leuten ein zweites Leben ein.

Pierre Michons Prosa hat zwanzig Jahre gebraucht, um über den Rhein zur deutschsprachigen Leserschaft zu finden. Das ist, gemessen am üblichen Tempo, eine verdammt lange Zeit. Wer aber diese Prosa gelesen hat, für den sind Tempo oder vermeintliche Aktualität keine besonders interessanten Kriterien mehr. Pierre Michons Geschichten reichen weit zurück bis ins 19. Jahrhundert, sie sind in einer bäuerlichen Welt angesiedelt, der Beschleunigung nichts bedeutet - und sie sind in einer Weise erzählt, die sich zwingend aus ihrem Stoff entwickelt und vollkommen unabhängig ist von allen literarischen Moden.

Der Stoff: Das sind die "Leben der kleinen Toten", oder die "Vies minuscules", wie es auf Französisch viel schöner, aber eben leider unübersetzbar heißt. Die "kleinen Toten" lebten als "kleine Leute", als Bauern, Knechte, Dorfpfarrer in der französischen Provinz, und so wie ihr Leben zugeschnitten war, gab es für sie kein Entkommen aus dieser Existenzweise. Sie wären vergessen worden, hätte sich Michon ihrer nicht in seinen biografischen Miniaturen angenommen. Er nähert sich ihnen ganz unvoreingenommen, manchmal geradezu naiv. Manche hatte er (als Icherzähler) noch als Kind gekannt, andere kennt er nur aus Erzählungen. Behutsam wie ein guter Philologe geht er mit diesen Erzählungen um, relativiert sie durch ein "vielleicht" oder ein "wohl", wägt unterschiedliche Aussagen gegeneinander ab.

In dieser Sorgfalt meint man die Sorge zu spüren, den kleinen Toten könne noch einmal Unrecht geschehen. Sie drückt einen Respekt aus, der diesen Menschen im wirklichen Leben oft genug versagt geblieben ist. Um sie in der Prosa noch einmal lebendig werden zu lassen, imaginiert Michon ihre Umgebung bis in ihre sinnlichen Details: den Wechsel der Jahreszeiten, den Lärm einer Prügelei, den Duft der blühenden Sträucher. Und er erzählt immer auf einen biografischen Fluchtpunkt hin: auf ein Lektüreerlebnis, auf einen Traum, auf irgendeine Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben, als es die Provinz bereithält.

Man müsste lange Strecken zitieren, um einen Eindruck von der suggestiven Kraft dieser Prosa zu vermitteln, die nicht zuletzt der Übersetzerin Anne Weber viel verdankt. Hier immerhin eine kurze Probe: "Der Vater steht aufrecht, hält etwas in die Höhe, was er verflucht und zu Boden wirft, ein volles Glas, ein Buch vielleicht, und seine großen Fäuste hauen mit voller Kraft stumme Wahrheiten auf den Tisch, die einzigen Wahrheiten, die einfältigen, angsterfüllten und entsetzten Wahrheiten, in denen von Vorfahren die Rede ist, von Toten."

Vielleicht vermittelt schon dieser kurze Ausschnitt einen Eindruck von der Unbedingtheit dieser Prosa, von ihrer Konzentration, von ihrem Rhythmus, von ihrer Bildkraft, aber auch von ihrer anachronistischen Zeitlosigkeit. Dies ist ein schmales Buch. Doch wer es zu Ende gelesen hat, verlässt ein episches Universum.

Tobias Heyl in FALTER 51/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×