Die Jugend von heute

Joachim Lottmann


Die Südtiroler Autorin Maria E. Brunner geht hinauf zur Waldgrenze und bricht dort das Gesetz des Schweigens.

Auf dem Berg, da enden alle Geschichten", überschreibt Maria E. Brunner ein Kapitel ihres Romandebüts. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass der Weg an diese Grenze des Erzählbaren ein mühsamer ist, denn: "Auf dem Land liegen das Animalische und das Verlassene dieser abgestorbenen Welt ganz eng beieinander." Es ist die Geschichte des namentlich nicht genannten "Kostkindes", das das Elend der vormodernen bäuerlichen Welt in mehrfach verschärfter Form erleidet. Das von den Zieheltern geknechtete, hart arbeitende Mädchen, das zur Strafe in den Kartoffelkeller gesperrt wird, geht zwar ins Tal zu den Büchern; sie wird ein Studium beginnen und beschreitet damit einen bereits in der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts literarisch eröffneten Emanzipationsweg. Dennoch kehrt sie immer wieder zu dem Ursprung, der keiner ist, zurück.

Die von ihrer Ehe mit dem "Kostherrn" und dessen Mutter verhärmte "Jungbäuerin" wird zur emotionalen Bezugsperson des Kostkindes. Sie verkörpert die unerzählte Geschichte von Frauen in einer unerbittlich harten Gegend. Das literarisierte Leiden, etwa in Franz Innerhofers Roman "Schöne Tage", blieb bisher Männern vorbehalten. "Die Braut war zu schön und zu stolz gewesen und hätte ruhig etwas jünger sein können. In diesem Haus hatte sie zu verschwinden irgendwo. Keine zu sein. Und erst recht keine zu werden."

Der Publizist Claus Gatterer schrieb die Alltagsgeschichte des südlichen Tirol in dem vom Folio Verlag kürzlich wieder aufgelegten Buch "Schöne Welt, böse Leut" auf. Brunner liefert nun die literarische Verdichtung, in der sich die Zeit der faschistischen Regierung, des Eisenbahnbaus und der ersten Touristen als Sprachmaterial absetzt. Begriffe wie Podestà, Bschancker oder Baraber bilden die Klangkulisse in dieser hochartifiziellen Scholle.

Der Weg zur Baumgrenze ist in diesem Buch ein Weg an die Grenze des Schweigens. Brunner bricht es, Brocken um Brocken. Da zersplittern Föhrenscheite mit lautem Krachen im Ofen, wird die Sagenwelt beschworen, in der die Knappen dem vor Schmerz brüllenden Stier die Haut bei lebendigem Leib abziehen. Um Stereotypen des Antiheimatromans kommt die Autorin, die in Schwäbisch Gmünd als Professorin für deutsche Literatur tätig ist, nicht herum. Sie ist nicht die Erste, die das Leben da oben als "eingeklemmt zwischen den Geröllhalden" betrachtet. Der anachronistische Versuch, sich in diese abgenagte Gegend der Literatur vorgewagt zu haben, kann dennoch als gelungen betrachtet werden. Sonst wäre der Hunger nach Sprache nicht so hautnah spürbar.Joachim Lottmanns spaßiger Roman "Die Jugend von heute" muss schnell gelesen werden, weil sich die Wirklichkeit rasch ändern wird.

Es gibt kein besseres Buch für Zugreisen zu familiären Weihnachtsfeiern als Joachim Lottmanns "Die Jugend von heute". Der Roman liest sich leicht und kann anschließend gleich an den jungen Neffen weitergeschenkt werden. Man greift dazu, weil in den letzten Monaten im Freundeskreis viel die Rede davon war und sogar Begriffe aus dem Buch in das nähere sprachliche Umfeld eingesickert sind.

Plötzlich wird "gebohnert" statt gefickt oder es wird "gesleept", wenn vom vormittäglichen Schlaf nach der langen Party die Rede ist. Und das besinnungslose Gequassel Bekiffter heißt ab sofort "Laber-Flash". Die Komik des Buchs besteht darin, dass sich Trashwissen über Prominente und Szenefiguren mit ethnografischer Anteilnahme an der Jugendkultur paart - all das gesehen aus der Perspektive eines schön danebenen Mitvierzigers.

Und so sitzt man im überfüllten Zugabteil und lacht über Jolo, Lottmanns fiktionales Alter Ego, der den Freundinnen seines jungen Freundes David imponieren will, indem er sich als "deutscher Rainald Goetz" vorstellt. Und dessen schlimmstes Weihnachten in der Wohnung des Altkommunarden Rainer Langhans stattgefunden hat, der sich aufführt wie ein cholerischer Patriarch. Die Utopien von Sex und Politik der 1968er sind die Blaupause für die mit großer Sympathie vorgetragenen Untersuchungen am unbekannten Patienten Jugend.

Der Wiener Aktionist Otto Muehl legt eine weitere Fährte zurück in die Sechziger: "Ein großer Verbrecher, ein kleiner Künstler", kommentiert Jolo nach dem Besuch der Vernissage der Mak-Ausstellung im letzten Winter. Lottmann gehört zu den Autoren, die keine Scheu vor dem raschen Veralten aktueller Bezüge haben. Sein Buch lebt vom Wissen der Paparazzi-Gesellschaft, in der bekannte Namen wie Labels funktionieren, die Assoziationsketten in Gang setzen. Er sagt Haider oder Kippenberger und jeder weiß, wer gemeint ist. Und wenn nicht, lässt es sich eh schnell herbeigoogeln.

Jolo kann nicht verstehen, warum die 13- bis 19-jährigen Scheidungskinder der vaterlosen Gesellschaft den ganzen Tag pornografische HipHop-Videos und die MTV-Sexvermittlungssendung "Dismissed" schauen, dann aber lieber die ganze Nacht "schwul herumlabern" statt zu bohnern. Der im Gedankengut der 68er sozialisierte Icherzähler beobachtet besorgt, dass sich der Exzess der Jungmenschen auf einen fast kindlichen Hedonismus beschränkt. Sein Blick an der nicht mehr geilen Jugend schrammt haarscharf am Altherrenvoyeurismus vorbei, der sich den Ritualen der beobachteten Jugend staunend und mit großer Sympathie nähert.

Der satirische Kunstgriff von Lottmanns nahe an die Alltagsreportage herangeführter Fiktion liegt darin, dass es in den Augen Jolos außerhalb Berlins keine Jugendlichen mehr gibt; und: Nicht einmal in Berlin gibt es noch deutsche Jugendliche - außer solche der ganz armen Sorte. Die deutschen Methusalem- und Multikultikomplexe drücken auf die Sprechblasen der Figuren. Und so kann Lottmann richtig gemein jenen Mittvierzigerinnen auflauern, die ihren frisch geborenen Nachwuchs wie eine seltene Tiergattung bestaunen und die er verächtlich als "Omis" bezeichnet.

Der durch exzessives Ausgehen schwer angeschlagene Neue Junge Alte (ein wunderbarer Begriff für Väter, die zum Entsetzen ihrer Töchter im selben Club auftauchen) flüchtet nach Wien, wo Männer und Frauen noch miteinander schlafen und garantiert kein Jugendlicher zu finden ist. Das politische Bewusstsein im "Jelinek-Staat" findet er "zum Grausen dämlich". Der definiert sich darüber, dass Literaten und Zeitungen nur über eines schreiben: Jörg Haider. Unschwer ist als reale Vorlage eines zu Skurrilitäten neigenden Gastgebers Falter-Zeichner Rubinowitz erkennbar: "Nach der siebenten Geschichte über einen südostindischen Fußnagelbett-Splitterentferner-Arzt, der sich weigert, sein selbst gemaltes Straßenpraxisschild zu verkaufen, wollte man nur noch brüllen: ,Und ihr?! Wie geht es euch?! Was ist euer Anliegen auf Erden?!!'" So richtig erkannt hat man nicht, welches Anliegen Lottmann umtreibt. Und das ist eigentlich ganz gut so.

Matthias Dusini in FALTER 51/2004



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