Fein gehackt und grob gewürfelt. Der Pedant in der Küche

Julian Barnes, Gertraude Krueger


Julian Barnes gibt sich als "Pedant in der Küche" zu erkennen und schreibt ein amüsantes Buch über Köche, Kochen und Kochbücher.

Albträume serviert man am besten mit Understatement. Bei britischen Schriftstellern setzt man es ohnehin voraus. Julian Barnes ist einer, der sein Understatement mit dem nötigen Witz vereint und es unaufdringlich mit der erforderlichen Bildung grundiert. Peinlichkeiten sind also nicht zu befürchten, wenn sich dieser Autor in Form von Erfahrungsberichten dem Thema Kochen nähert. Seine Perspektive ist die des Pedanten in der Küche, der an die Genauigkeit von Kochrezepten glaubt und sich sklavisch an ihre Vorgaben hält. Dabei hat er Grund zur Verzweiflung, denn Allzuvieles in aufs Erste genau scheinenden Rezepten erweist sich als Andeutung. Wie grob grob gehackt wirklich ist, bleibt ebenso dem Ermessen des Kochs überlassen wie die Frage, wie groß ein handtellergroßes Kotelett ist und wie viel wirklich in einer mittelgroßen Pfanne Platz hat.

Der Witz von Barnes' kleinen Betrachtungen entzündet sich an den kleinen Reibungen zwischen dem Willen zur genauen Ausführung einer Anweisung, die sich als ungenau erweist. Pedanterie ist die Haltung aller Anfänger in der Küche, während sich die Meister durch jenen Esprit auszeichnen, der ein Rezept immer neu interpretiert. Das Understatement besteht nun darin, dass Barnes zweifellos kein Anfänger ist, sondern als Hobbykoch auf eine lange Geschichte zurückblickt und als Lebensmittelschreiber (wie sonst soll man food journalist übersetzen?) zumindest kein unbeschriebenes Blatt ist; immerhin gesteht er, mit 200 Kollegen zu einer Präsentation Michelin-Stern dekorierter französischer Köche in Luxushotels geladen worden zu sein.

Barnes ist also ein Pedant mit Augenzwinkern, selbstverständlich literarisch gebildet. Der Literat im Pedanten nähert sich der Küche natürlich nicht nur über Gebrauchsanweisungen an (das ist die eine Seite der Kochbücher). Er sieht Kochbücher auch als Literatur. Also erklärt er uns, wie seine Kochbuchbibliothek aufgebaut ist. Und weil für einen gebildeten Engländer Literatur nicht Anweisung zum grüblerischen Vermiesen des eigenen Daseins darstellt, sondern Anweisung zum richtigen Leben, misst er auch die Verfasser seiner Kochbücher daran, ob sie ihn in seinem Pedantendasein be- oder entlasten.

Weil das so ist, kann man aus diesem Buch nicht nur das eine oder andere lernen - das schon auch -, vor allem aber kann man sich selber, der man ja meist auch ein Pedant (oder eine Pedantin) in der Küche ist, ein wenig vom Stress des Gelingenmüssens entlasten. Denn "Kochen ist die Transformation von Unsicherheit (das Rezept) in Sicherheit (das Gericht) auf dem Umweg über Hektik und Angst". Barnes hat nicht nur ein unterhaltsames kleines Buch geschrieben, sondern auch eine Anleitung zum stressärmeren, also zum besseren Leben am Herd.

Armin Thurnher in FALTER 51/2004



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