Turbulenzen

Chang-rae Lee, Christa Schuenke


Der Bauunternehmerroman boomt. Und wir erfahren aus ihm, dass Bauunternehmer, erstens, gar nicht so sind und, zweitens, Jerry heißen. Jerry McGuinty ist - wie schon Uropa, Opa und Papa - Gipser. Jerry zieht "Ein großes Ding" durch, immerhin hat er 13 Siedlungen, 5000 Dächer und 30.000 Außenwände in die Suburbs von Ottawa geklotzt. Ansonsten aber sieht es in seinem Leben, von dem das Debüt des Kanadiers Colin McAdam erzählt, nicht so toll aus. Ehefrau Kathleen entpuppt sich als irischer Hitzkopf, dessen Temperament sich in cholerischen Anfällen, nicht aber im Bett austobt. Weil es über diesem eine neue Digitaluhr gibt, weiß Jerry genau, wie lange er während eines Jahres in Kathleen war: genau 31 Minuten. McAdam hat für seine Geschichte über die Abgründe, die sich hinter solid gemauerten Fassaden auftun, ein originelles Milieu gewählt und gesteht seinen Protagonisten eine Komplexität und Verletzlichkeit zu, die man nicht erwartet. Die Sprache des Romans ist allerdings mitunter dermaßen überdreht, dass es nicht nur an der fragwürdigen Übersetzung liegen kann: ein Baby im Mutterleib ist dann "eine bauchige Erklärung von Kathleen" und eine Picknickdecke ein Mittel dafür, "die kalten Mahnungen der Erde zum Schweigen zu bringen". Heiliger Zementsack!Jerry Battle baut Häuser und legt Gärten an. Das hat schon sein Vater getan, das tut auch sein Sohn. Nur dass dieser drauf und dran ist, die Firma an die Wand zu fahren. Und damit die "Turbulenzen" nicht zu schwach ausfallen, hat Jerrys Tochter Krebs, verweigert aber jede Therapie, um ihr ungeborenes Kind nicht zu gefährden. Hinzu kommen: ein zusehends verfallender Vater, eine im Pool ertrunkene manisch-depressive Ehefrau, eine Geliebte, die sich einen anderen genommen hat Kein Wunder, dass sich Jerry ein kleines Privatflugzeug zulegt, um wenigstens hin und wieder abzuheben. Chang-rae Lee hat all das in einen süffigen, sympathischen Familienroman gepackt, der mit den schwergewichtigen Inhalten recht schwungvoll umgeht, auch wenn die Konstruktion etwas schematisch ausgefallen ist. Plaudertasche Jerrys zwischen Umgangssprache und artifizieller Metaphorik changierendes Idiom, an dem wohl jede Übersetzung scheitern muss, ist freilich nicht jedermanns Sache.

Klaus Nüchtern in FALTER 51/2004



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