Das Buch vom Salz

Monique Truong, Barbara Rojahn-Deyk


Der Koch, sein Liebhaber, die Dichterin und ihre Muse: Monique Truongs erstaunlicher Roman "Das Buch vom Salz".

Wenn in Romanen exzessiv gegessen wird, geht das sehr schnell zulasten der Literatur: Im besten Falle hat man dann ein brauchbares Kochbuch, im schlimmsten eine "Sinnlichkeit", die von Menschen mit einem fragwürdigen Faible für Duftkerzen goutiert wird.

"Das Buch vom Salz" macht da eine Ausnahme. Kochen ist eine Kunst des Maßhaltens, und das weiß auch Monique Truong. Die 1968 in Saigon geborene und mit sechs Jahren in die USA gekommene Juristin und Schriftstellerin hat sich für ihr Romandebüt einen historisch verbürgten, aber unbeschriebenen Landsmann auserkoren: Bình hat Saigon den Rücken gekehrt und ist schließlich in der Rue de Fleurus 27 in Paris gelandet. Dort residieren zwei illustre und nicht ganz unkapriziöse Amerikanerinnen, bei denen "Thin Bin", wie sie ihn bald nennen, fünf Jahre lang als Koch arbeitet und die einander durch eine gemeinsame Liebe verbunden sind: "Beide lieben Gertrude Stein. Besser gesagt, sie sind beide verliebt in Gertrude Stein."

Als Exilierter, der die fremde Sprache "wie ein rostiges Küchenmesser" handhabt und nur in der Küche etwas wie Heimat findet, ist Bình ein aufmerksamer und, bei aller Zuneigung zu seinen Mesdames, unsentimentaler Beobachter, wobei Truong es klug vermeidet, in die Anekdotenfalle zu tappen und augenzwinkernd intime Details auszuplaudern.

"Das Buch vom Salz", dessen Titelsubstanz leitmotivisch, aber unpenetrant auch von Schweiß und Tränen erzählt, richtet den Fokus von den Zelebritäten auf den Domestiken. In den Rückblenden, aus denen es fast zur Gänze besteht, berichtet es nicht nur von Bìnhs Pariser Zeit, sondern auch von dessen Kindheit in Saigon, von der Liebe zur geknechteten Mutter und dem Hass auf den despotischen Vater.

Auf diese Weise entsteht ein Bild, für das der Protagonist die Urheberschaft reklamiert: "Meine Geschichte, Madame, gehört mir. Ich allein bin berechtigt, sie zu erzählen, sie auszuschmücken oder Dinge wegzulassen." Allein: Wer sich in unmittelbare Nähe eines Literaturgenies begibt, hat mit Konkurrenz zu rechnen. Von dieser bleibt auch das vorgeblich Intimste nicht verschont, denn Bìnhs Weekend-Lover zeigt Interesse nicht nur am Körper des Kochs, sondern auch an den Manuskripten der berühmten Schriftstellerin.

"Das Buch vom Salz" ist auf uneitle Weise intelligent und poetisch, ohne ein falsches Pathos zu bemühen - eine Leistung, die die exzellente Übersetzung von Barbara Rojahn-Deyk auch auf Deutsch nachvollziehbar macht. Am Ende des Romans werden die "Mesdames" nach Amerika zurückkehren. Neben ihren schrecklichen beiden Hunden lassen sie auch den Koch zurück. Nach der kulinarischen Grundversorgung, die ein Hotel bieten muss, um überhaupt in Betracht gezogen zu werden, haben sie sich vorsorglich schon vorher erkundigt: Austern und Honigmelonen.

Klaus Nüchtern in FALTER 51/2004



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