Samarkand und andere Gedichte

Wole Soyinka, Klaus Laabs


"Rasch war der goldschrieb gefluttert
tupfig sehr ädrig verbostelt
da lupfte der hupfer den bauchkorb
verbarg er die binsige rupfe
tschiribombös profelurte kikieglitzt
o schwansam
teich auf!"
Das auch im Original in einer unbekannten Sprache verfasste Gedicht stammt vom russischen Futuristen Velimir Chlebnikov (1885-1922); in eine dem Deutschen verwandte Sprache gebracht wurde es für den Band "Mein Chlebnikov" vom Dichter Oskar Pastior. Bei den zwei Dutzend Beispielen einer Sternensprache jenseits der Vernunft handelt es sich um den Versuch, nicht weniger als den ganzen Kosmos zum Tanzen zu bringen. Der Leser muss - wenn da vom russischen Gott Perun die Rede ist, die Lacher in tobendes Gelächter verfallen, Tiere und Pflanzen sich im Text als das erweisen, was sie einzig sind: Worte, Namen - mit den Ohren denken. Onomatopoesie - durch die beigepackte CD allerdings leicht gemacht.Leicht zu lesen, wenn auch nicht minder ambitiös, ist der 1941 in Zagreb geborene Tomaz Salamun, der als die lyrische Stimme Sloweniens gilt. Mehr als dreißig Gedichtbände hat Salamun bislang verfasst, Bescheidenheit war ihm schon in einem frühen, wenn auch selbstironischen Autoporträt fremd:
"du bist ein genie tomaz salamun
du bist herrlich du bist schön
du bist groß du bist ein riese".
Salamun ist alles im Universum, dementsprechend frech spricht er in "Aber das sind Ausnahmen" von den Frauen, über Logik, erfindet neue Sprichwörter, erzählt zyklisch vom Pokern und vom Kino - ein freundlicher Surrealismus, in dem Gummischuhe abgeschafft oder bedeutsame Wahrheiten verkündet werden:
"sie werden sich nicht groß wundern
sehr hohe bäume geben nicht viel schatten
viel schatten geben niedrige und dicke bäume"."Ich habe als Voyeur die Welt duchwandert.
Es tönte und schillerte in der galaktischen
Seifenblase",
schrieb Czeslaw Milosz (1911-2004), der polnische Nobelpreisträger des Jahres 1980, über sich selbst. "DAS" versammelt die poetischen Konfessionen eines offenbar nie alternden Sünders, der gar dem Papst in den letzten Jahren seines Lebens ein Gedicht widmete. Die dichterische Spur führt aus dem besetzten Warschau des Jahres 1943 bis in die späten Neunziger. "Du alter Lustmolch, du sollst langsam ans Sterben denken - statt an die Spiele und Vergnügungen der Jugend", heißt es in einem späten Resumee am Flughafen von Minneapolis, ein Glas Whisky in der Hand. Sonst geht es bei Milosz um Kindheit und Exil, Kosmologien und Katholizismus.Wie politisches Engagement dichterisch funktioniert, zeigen die unter dem Titel "Samarkand und andere Gedichte" erstmals ins Deutsche übersetzten Texte des 1934 geborenen Nigerianers Wole Soyinka, Nobelpreisträger des Jahres 1986. Die Basare in Samarkand und Teheran, die Suks von Algier und Beirut, aber auch die Börse an der Wallstreet und andere Hochburgen der Scharlatanerie werden in epischer Breite evoziert. Als wäre er Horaz, spricht Wole Soyinka über den religiösen Eifer der Fundamentalisten jeder Couleur, diverse Tyrannen und ihre Opfer sowie von der eigenen Kindheit in Nigeria. "Ich schulde diesem Tod eine Abrechnung, zu nahe / als dass ein kurzes Klagen sie linderte. Nimm seine Hand, führe ihn und lass dich von ihm führen", dichtet Soyinka in einer großen Elegie, die den verstorbenen Russen Joseph Brodsky und den hingerichteten Ken Saro-Wiwa zu einem Gespräch im Jenseits zusammenführt. Kein besseres Gedicht in diesem Jahr, von dem man sich ins Diesseits entführen lassen könnte.

Erich Klein in FALTER 51/2004



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