Die Netzwerk-Orange

Thomas Raab


Teil der Maschine und individueller als je zuvor

Der österreichische Autor Thomas Raab entwirft im Roman „Die Netzwerk-Orange“ ein schrecklich-schönes Zukunftsszenario

Als der US-Bestsellerautor Michael Crichton 2008 verstarb, ließ sein heimischer Kollege Thomas Raab via Presseaussendung wissen, dass er nun der größte lebende Autor sei. Falsch war das nicht: Crichton maß 2,06 Meter, der Österreicher bringt es immerhin auf rund zwei Meter. Wie das aktuelle Ranking aussieht, ist nicht bekannt. Sagen wir einfach: Raab ist ein verdammt großer Autor.
Freilich ist er nicht der einzige Schriftsteller namens Thomas Raab. Der in Wien lebende Grazer mit naturwissenschaftlichem Background, der 2002 mit dem ­Roman „Verhalten“ debütierte, teilt sich Vor- und Nachnamen mit einem Wiener Krimiautor. Verwechslungen sind da vorprogrammiert. Zudem ist sein Namensvetter ungleich umtriebiger und hat eine ganze Reihe von Romanen vorgelegt, während Thomas Raab I zwischen seinem Debüt und dem Nachfolger eine kleine Ewigkeit verstreichen ließ. Qualitativ liegen zwischen ihren Büchern Welten.

Mit „Die Netzwerk-Orange“ meldet sich Raab der Bessere bravourös zurück. Er ­skizziert eine schrecklich-schöne Welt, die in ­ihren Grundzügen freilich nicht ganz ­unbekannt ist. Im Gegensatz zu den klassischen ­Dystopien von George Orwell oder Aldous Huxley wurde die Handlung hier lediglich zehn Jahre in die Zukunft ­verlegt. 2025 lebt die westliche Menschheit ­wunschlos glücklich in einem Unionsstaat, man grüßt sich mit einem flotten „Kontakt!“. Die Union steuert das Verhalten der Menschen und gibt ihnen gleichzeitig das Gefühl, frei zu sein: „Alle sind Teil der ­Unionsmaschine, fühlen sich aber individueller als je zuvor.“
Die politische Klasse ist kaum noch sichtbar, sie verwaltet lediglich die statistisch ermittelte Volksmeinung. Tatsächlich regieren große Unternehmen. Alle Daten werden gesammelt, das Konsum- und Freizeitverhalten der verschiedenen sozialen Segmente laufend ausgewertet.

Krebs und andere tödliche Krankheiten gibt es in dieser Welt nicht mehr. Damit das System nicht zusammenbricht, wurde die durchschnittliche Lebenserwartung jedoch vorsorglich auf 83 Jahre reguliert. Bis zum geplanten Abgang muss niemand leiden: Bereits bei einem Anflug von seelischen Wehwehchen teilt einem ein „Cyberpeut“ genannter Computertherapeut eine der jeweiligen Situation angepasste Lehrfabel zu, die aufheitert und erbaut. So kommt kein funktionierender Konsummensch je vom rechten Weg ab.
Eine verstörende Dystopie? Oder vielleicht doch eine Utopie? Entscheiden Sie selbst! Das Perfide, aber auch Reizvolle an der „Netzwerk-Orange“ ist, dass einem das Wattegefühl von Minimalglück, das der Roman sehr gut rüberbringt, streckenweise schon auch einlullt. Denn offensichtlich ist ja alles verfügbar, „Geld, Arbeit, Vergnügen und Bildung“. Die ganz düsteren Seiten des Systems deutet Raab nur an, etwa wenn er die Arbeit in den Fabriken am Rand der Hauptstadt schildert. Über diese ist eigentlich schon genug gesagt, wenn man weiß, dass es statt Betriebsräten 2025 Arbeitsverbesserungskommissionen gibt.

Damit Fleisch auf die Knochen der Romankonstruktion kommt und um den Leser bei der Stange zu halten, hat der Autor als Bonus eine überraschend konventionelle Handlung um einem vielfältig miteinander verstricktes Figurenensemble parat. In dessen Zentrum steht der ehemalige Psychologieprofessor und hochrangige Ministerialbeamte Franzer. Als väterlicher Freund des autopoetischen Therapiecomputers zieht er im Hintergrund die Fäden.
Ausgerechnet Franzers Tochter gehört einer kleinen Studentengruppe an, die noch Ansätze von eigenen Gedanken zeigt und sich an einem Aufstand gegen die Union beteiligt. Lang währt dieser allerdings nicht. In der geschilderten Welt haben die Menschen im Grunde nichts mehr zu sagen: „Der Apparat läuft von selbst, solange die Maschinen nicht aufbegehren.“
Traurige Gestalt des Romans ist ein Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt. Und so lässt er sich schließlich von der Maschine helfen. Von ihrem Schöpfer könnte diese Figur nicht weiter entfernt sein.

Sebastian Fasthuber in FALTER 26/2015



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×