Öko-Populismus. Warum einfache Lösungen, Unwissen und Meinungsterror unsere...

Fred Luks


Die Umweltfreunde kennen keinen Spaß

Fred Luks ist Ökoökonom und Nachhaltigkeitsfreak. In einem amüsanten Buch spießt er jetzt die Ökodummheiten von A bis Z auf

Als Deutscher über Humor zu schreiben ist heikel und fast so, als schriebe ein Schotte über Maßlosigkeit.“ Mit diesen Worten beginnt der deutsche Ökonom Fred Luks das Kapitel über „Humor“ in seinem Buch über ökologische Nachhaltigkeit. Das ist mutig. Erstens weil der Witz mit nationalen Stereotypen spielt und somit politisch inkorrekt ist. Zweitens weil Humor im Nachhaltigkeitsdiskurs nichts zu suchen hat. Bei der Nachhaltigkeit geht es ja um unser aller Überleben. Die Sache ist ernst.
Das seltsame, luzide Buch mit dem Titel „Öko-Populismus“ könnte man mit einem schnellen Blick für das Werk eines Antiökologen halten. Aber Luks ist seit Jahrzehnten selbst Teil der Nachhaltigkeitsdiskurse. Er war Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie und arbeitet als Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. Wenn er die Nachhaltigkeitsdiskurse kritisch aufspießt, dann auf die Art, wie man im erweiterten Freundeskreis seine eigenen Leute kritisiert. Seine kritische Auseinandersetzung mit nachhaltig motivierter Wachstums- und Kapitalismuskritik habe Luks nicht geschrieben, „obwohl ich mit ihr sympathisiere – sondern weil ich es tue“.

Das Buch ist als feuilletonistisches Lexikon konstruiert, von A wie „Aufmerksamkeit“ über F wie „Freiheit“ bis Z wie „Zitate“. In den Einträgen, die mal längere Essays, mal kleinere Glossen sind, knöpft sich Luks Standards der Ökodiskurse vor. Seine Kritik lautet: Eine bestimmte Spielart der Ökodiskurse ist drauf und dran, mit der Demokratie zu brechen.
Demokratien sind schwerfällig, die notwendigen Kurswechsel sind praktisch nicht durchzusetzen, so lautet die Storyline. Deshalb liebäugeln manche Ökotechnokraten schon mit Regimes wie China. Da gibt es eine Regierung, die auf keine Opposition, aber auch auf keine Klientel Rücksicht nehmen muss. Wenn die am Freitag beschließt, ab Montag darf kein Motorroller mehr fahren, sind eben am Montag keine Motorroller mehr auf der Straße.
Damit liebäugelt mancher Nachhaltigkeitsautor angesichts der Realität im demokratischen Westen, in dem man für jeden Radweg mehrjährige Verfahren samt Bürgerbeteiligung braucht. Auch Gängelung der Bürger zur Durchsetzung des Guten hält Luks für fragwürdig. An einem sonnigen Tag, schreibt er, sei „es“ passiert: Da saß er mit Freunden zusammen und sagte, dass ihm im Zweifel Freiheit wichtiger sei als Nachhaltigkeit. „Alle schauten mich an, als hätte ich gerade den Holocaust geleugnet.“
Auch die Vorstellung einer Gemeinwohlökonomie, die die Ego-Ökonomie des Kapitalismus ablösen sollte, habe seine kritikwürdigen Seiten, schreibt Luks. Sie würde stillschweigend voraussetzen, dass es erstens unter einer großen Mehrheit der Menschen einen Konsens darüber gäbe, wo­rin das Gemeinwohl bestünde, und dass es, wenn dieser Konsens erst festgestellt ist, eine einfache Sache wäre, gesellschaftliche Regeln aufzustellen, an die sich alle freiwillig halten und die dann die gewünschten Ergebnisse herbeiführen würden. Dabei wird von den Theoretikern der Gemeinwohlökonomie eine Gesellschaft voller Glück entworfen, in der alle im Einklang mit der Natur leben würden, die aber verdammt nach einem Paradies für Pedanten aussieht und Luks ein wenig an Nordkorea erinnere.

In zu vielen Schattierungen des Nachhaltigkeitsdiskurses wird die Komplexität von Gesellschaften unterschätzt und als ein Übel eingeschätzt. Dabei ist es in fortgeschrittenen, modernen Gesellschaften so, dass jede Handlung eine Vielzahl an Handlungsfolgen zeitigt, die man unmöglich im Blick haben kann. Das ist eben der Preis der Freiheit und der gesellschaftlichen Entwicklung. Wer dahinter zurück will, muss sich kritische Fragen gefallen lassen. Nicht selten werden gerade die komplexen Vermittlungsformen repräsentativer Demokratie im Ökodiskurs scheel angesehen – würde man Leute nur durch direkte Demokratie selbst entscheiden lassen, wäre alles viel einfacher und daher auch besser.
Die Stärke von Luks Buch liegt in der ironischen Lässigkeit, mit der er all das vorträgt, und darin, dass die Kritik an den zeitgenössischen Ökodiskursen eben nicht mit dem verbiesterten Ressentiment daherkommt, das aus den Postingforen quillt, wenn „Umerziehungsfantasien“ von „Grüninnen“ gegeißelt werden. Luks Kritik ist eben eine linke, demokratische und ökolibertäre Einrede eines Sympathisanten, der die Schwachstellen der eigenen Überzeugungen freilegen will, ohne das Problem zu leugnen – also die Gefahr des ökologischen Kollapses. Er sagt nicht: Das Problem existiert nicht. Er sagt nur: Die Dinge sind nicht so einfach, wie der Ökopopulist sich das vorstellt, und man sollte noch ein paar andere wichtige Themen bitte dazudenken – eben Themen wie Demokratie, Freiheit, Lebensfreude und Ähnliches.
Natürlich kann man Luks fragen, worauf denn das alles hinauslaufen soll. Kann er nur die Ökodiskurse kritisieren oder hat er auch eine Lösung? Oder ist die Lösung so eine Art Mittelweg: So viel ökologisches Umsteuern wie möglich, aber ohne Freiheit, Demokratie, Innovation und Unternehmertum gleich mit zu entsorgen. Luks weiß freilich selbst auch, dass es dann womöglich bei den Lippenbekenntnissen zu Nachhaltigkeit und „verantwortlichem Wirtschaften“ bleibt, aus denen dann exakt nichts folgt.
Freilich ist auch die Forderung, jemand habe stets eine „Lösung“ mitzuliefern, ein populistisches Argument. Das, was Luks mit Recht kritisiert, ist ja eben kritikwürdig. Und wenn etwas kritikwürdig ist, dann muss es kritisiert werden – der Kritiker ist nicht verpflichtet, eine einfache Problemlösung gleich mitzuliefern.

Robert Misik in FALTER 20/2015



ANZEIGE


FALTER 4 Wochen testen
×