Österreicher in Hollywood

Rudolf Ulrich


Der Band "Österreicher in Hollywood" ist fehlerhaft und macht keinen Unterschied zwischen Nazigegnern und -sympathisanten.

Was haben Gustav Diessl und Peter Lorre gemeinsam? Beide stammten aus (Alt-) Österreich, beide arbeiteten als Schauspieler - und beide waren in Hollywood. Diessl verbringt 1931 ein paar Wochen dort, kehrt nach Deutschland zurück, spielt 1941 im antiserbischen Propagandastreifen "Menschen im Sturm", 1945 im berüchtigten Durchhalteepos "Kolberg". Lorre, mit "M" 1931 zum Star geworden, flüchtet 1933 nach Wien, im Sommer 1934 in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1964 lebt und arbeitet. In Rudolf Ulrichs Buch sind sie friedlich vereint: der Dagebliebene, der sich mit den Nazis arrangiert - und der Vertriebene, der seine erfolgreiche Tätigkeit im deutschen Kino aufgrund seiner jüdischen Herkunft jäh beenden und im Exil erst einen neuen Anlauf nehmen muss.

"Österreicher in Hollywood", so der Titel des vom Filmarchiv Austria herausgegebenen Werks, sind sie alle, die rund 400 Personen, die der Band mit bio-filmografischen Einträgen vorstellt. Der Bogen reicht dabei vom Art Director Joseph Urban, der bereits 1911/12 in die USA emigrierte, über aus Nazideutschland geflüchtete Filmschaffende wie Billy Wilder bis zu Arnold Schwarzenegger.

"Hollywood muss man nicht beschreiben, Hollywood ist kein Ort - Hollywood ist ein Mythos." Und: "Österreich kann ohne Hollywood leben, Hollywood aber nicht ohne Österreich." Zwei Zitate, von Helmut-Maria Glogger bzw. Henry Grunwald, Exilant und später US-Botschafter in Österreich, die gleichsam als "Leitmotive" deutlich machen, wie hier mit (Film-)Geschichte verfahren wird, nämlich frei nach dem Motto: "Egal, wer was wann wo und warum gedreht hat - Österreicher sind sie alle, der österreichische Film ist eben eine große Familie."

Zu dieser Familie gehört auch Luis Trenker. 1932/33 werden seine Filme "Berge in Flammen" und "Der Rebell" unter seiner Mitwirkung in Hollywood neu gedreht. Der Eintrag endet 1935: "Luis Trenkers Ruvre als Schauspieler, Autor und Produzent umfasst bis in die Achtzigerjahre 30 Filme und 50 Dokumentationen, dazu fast zwei Dutzend Bücher." Kein Wort über Trenkers - sagen wir: ambivalente - Rolle im Nationalsozialismus.

Autor Rudolf Ulrich hat viel Material zusammengetragen und eine Reihe von Filmschaffenden, darunter etliche Exilanten, durch seine Recherchen (wieder-)entdeckt. Freilich wurde er dabei vom Verlag komplett im Stich gelassen: sprachliche Ungereimtheiten, faktische und inhaltliche Fehler ohne Ende. Im Eintrag "Leon Askin" etwa finden sich gleich ein Dutzend falscher Namen, Filmtitel und Jahreszahlen.

Manchmal wird gar die Film- und Zeitgeschichte umgeschrieben. Unter dem Eintrag "Paul Henreid" erzählt Ulrich vom Flug einiger Hollywoodstars nach Washington anno 1947: Henreid, Humphrey Bogart, Danny Kaye, Gene Kelly, Lauren Bacall und andere wollten damit im Vorfeld der HUAC-Verhöre ihren Protest gegen die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten zum Ausdruck bringen. "Alle außer Bogart", so Ulrich, "kamen danach selbst auf die so genannte Black List und erhielten Berufsverbot." Berufsverbot für Bacall, Kaye und Kelly? Man lernt nie aus.

Christian Cargnelli in FALTER 50/2004



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