Gegen die tägliche Beleidigung.. Vorlesungen.

Marlene Streeruwitz


Neues von Marlene Streeruwitz: die Erzählung "Morire in Levitate" und ein Band mit Vorlesungen üben Kritik an bloß behaupteter Wirklichkeit und bleiben mitunter selbst in Behauptungen stecken.

Marlene Streeruwitz ist eine politische und poetische Starksprecherin. Dass ihr Starksprech Figuren und Argumente auch schwächen kann, lässt sich an zwei neuen Büchern der Autorin überprüfen: an der Erzählung "Morire in Levitate" und dem Essayband "Gegen die tägliche Beleidigung". Wie auch in anderen Streeruwitz-Büchern werden wir in der Erzählung - der Verlag nennt es eine "Novelle" - durch ein weibliches Bewusstsein geführt, und zwar im Wortlaut der Gedanken: Geraldine, 50, krankheitshalber verhinderte Opernsängerin, konstatiert für sich den Verlust von Zukunft durch die Übermacht der Vergangenheit. Ihr Großvater war Nazi und "Fahrplangenie" der KZ-Deportationen. Die innere und äußere Ungesühntheit seines Lebens bedeutet den Sieg des Großvaters über die nächste und auch übernächste Generation. "Sterben in Leichtigkeit", so die Übersetzung des Titels, ist Geraldines Wunschvorstellung: keine Fragen mehr, Gleichmut gegenüber Fakten, unbeirrte Identität.

In der Literatur ("Morire in Levitate") gilt die soziale Berechtigung eines Stoffes nur unter den ästhetischen Bedingungen seiner Vermittlung. In ihrer Sprachphilosophie hat Streeruwitz das poetische Sprechen als einzigen Ausweg aus der anerzogenen "Tätersprache" postuliert (der programmatische Aufsatz "Haben. Sein. Und werden." findet sich sowohl im letzten als auch im neuen Essayband). Aber weder diese Erkenntnis schützt den Leser vor Langeweile noch dessen politische Übereinstimmung mit der Autorin.

"Jessica, 30", Titelheldin des letzten Romans, lief und dachte; Geraldine geht und denkt. Beide haben ein gesellschaftlich ziemlich exemplarisches Innenleben. Das macht sie überraschungsarm und - wie andere Streeruwitz-Frauen - ein wenig uniform. Und nach so viel in alle Weiten und Tiefen der Person geöffnetem Bewusstsein wächst das Bedürfnis, eine Figur einmal von außen anschauen zu dürfen, als echte dritte Person Singular, mit eigenen Augen sozusagen die Weiten und Tiefen entdecken zu können und ihre Trauer nicht nur aus der Trauermiene ihrer Erfinderin zu erfahren; Geraldine muss ja in demselben Schwergewichtsstil denken, in dem sich ihre Autorin zu schreiben angewöhnt hat.

Dieser seit Jahren geübte Schreibstil wird in der vorliegenden Erzählung konsequent weitergeführt. Er portioniert Sätze durch Punkte, beraubt den Satz des Prädikats oder den Gliedsatz des Hauptsatzes. Wenn die isolierten Wörter nicht Funktionsteil eines Satzes sind, sondern das Ganze sein wollen, verleiht ihnen diese Hervorhebung Gewichte und Dramatik, die manchmal inhaltlich nicht einzusehen sind. Der Text wird zentnerschwer, auch minder Bedeutendes lautstark ("Eine kahle Fläche tiefer unten. Auf der Böschung. Neben dem Weg."). Manchmal riecht es auch nach abgestandenem Expressionismus.

Der vollständige Satz ist eine Lüge", hat Streeruwitz einmal gesagt. Das hat seine Berechtigung. Aber die autoritäre Anmaßung des Regelsatzes zerschlägt man auch dann nicht, wenn man ihn zwar fragmentiert, aber seine Ganzheit über die Punkte hinweg beibehält oder die entsprechende Ergänzung dem Leser nahe legt. Auch eine "Verweiblichung" der Sprache durch Auflösung der Täterstruktur Subjekt-Prädikat-Objekt oder der grammatikalischen Fixierung von Wirklichkeit verstehe ich besser in der Theorie als in der vorgelegten Praxis. Da dominiert dann doch der Eindruck einer gewissen Aufdringlichkeit des Stils, der mehr sich selbst propagiert als der Aufgabe nachzukommen, seinen Inhalt zu propagieren. Im Essayband versammelt Streeruwitz Vorlesungen, Vorträge und "Literatur-Performances" von 2000 bis 2004 zu ihrem Thema: Patriarchats- und Sprachkritik. Der anhaltenden Deklassierung der Frau in der Männergesellschaft möchte sie auch in einer Sprache antworten, die sich der aggressiven Struktur des männlichen Idioms entzieht. In literarischen und gesellschaftlichen Beispielen, essayistisch und fiktional, beschreibt sie die Schwierigkeit weiblicher Autorschaft am patriarchalischen Gesamttext.

In ihren theoretischen Äußerungen entwickelt Streeruwitz für ihre gesellschaftlichen Diagnosen ein eindrucksvolles, manchmal sogar amüsantes induktives Verfahren, in dem sie Alltagsbeobachtungen stringent und wortstark zu einer Analyse des Systems führt. Das passt dann aber oft so genau, dass mitunter der Verdacht aufkommt, die fertige Erkenntnis wäre streckenweise schon die Anschauungsform, die Induktion mithin verkappte Deduktion gewesen. Sie enthält dann Elemente des Diktats. Außerdem sei angemerkt, dass Streeruwitz den Essay noch im "Tagebuch der Gegenwart" von 2002 als "quasi objektive zitatgepolsterte Kampfmaschine" kritisierte, die "Konstruktion von Welt als Welt" behaupte.

Helmut Gollner in FALTER 50/2004



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