Makarionissi. oder Die Insel der Seligen

Vea Kaiser


Und schreiben kann sie auch

Vea Kaiser stöckelt durch das Wiener Café Engländer, und der halbe Raum schaut zu. Die großgewachsene Dunkelhaarige fällt auf, wo immer sie auftaucht. Gleichzeitig ist sie eine verdammt gute Schriftstellerin, das lässt sich mittlerweile auch nicht mehr übersehen.
Ihr 2012 erschienenes Buchdebüt „Blasmusikpop“ hat das Leben der mittlerweile 26-Jährigen komplett umgekrempelt. Vorher war sie eine junge Frau mit einem seltenen Faible für die alten Griechen und literarisch ein völlig unbeschriebenes Blatt. Nur ein paar Monate später stand sie mit ihrem ersten Roman auf den Bestsellerlisten, gab unzählige Interviews – bei 263 hat sie zu zählen aufgehört – und wurde zur öffentlichen Figur.
„Ich habe mir gedacht, ich schreibe jetzt mal ein Buch, aber sonst geht alles weiter wie vorher“, erzählt die Autorin. Doch für Seminararbeiten war nach Erscheinen des Romans keine Zeit mehr. Und gewisse Freunde meldeten sich nur mehr dann, wenn Verrisse erschienen: „Ich war auf Urlaub in Italien und bekam SMS, in denen stand: ,Tut mir total leid, aber Sigrid Löffler hasst dich.‘ Andererseits habe ich seit ,Blasmusikpop‘ eine viel bessere Beziehung zu meiner Familie. Die waren alle überrascht, dass ich auch ein witziger Mensch bin, sie haben mich für bierernst und neurotisch gehalten. Man kann mit so einem Buch zeigen, was sich bei einem im Kopf eigentlich abspielt.“

Die Vorgänge in Vea Kaisers Kopf haben sich als mehrheitsfähig erwiesen, die Niederösterreicherin hat mit ihrem Fast-500-Seiten-Ziegel einen Blitzstart hingelegt. Alles über 10.000 verkauften Exemplaren gilt bei österreichischen Autoren schon als absoluter Verkaufserfolg, „Blasmusikpop“ steht drei Jahre nach der Veröffentlichung bei schwindelerregenden 125.000. Sicherlich war der Titel perfekt ausgesucht und die Marketing­abteilung von Kiepenheuer & Witsch leistete auch sonst ganze Arbeit, aber das war nicht alles.
An manchen Stellen war der Roman noch etwas hopatatschig geschrieben, an anderen wieder ein bisschen bieder und offenbar vom Lektorat an die Bedürfnisse des deutschen Buchmarktes angepasst – wie man charmant-schrullige Kost aus Ösiland dort am liebsten hat. Dennoch ließ Kaisers Erzählung aus der Provinz keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier ein großes Talent am Werk war. Vea Kaiser ist eine Fabuliererin der alten Schule im modernen Gewand. Sie steht für sprachliche Opulenz sowie Handlungsreichtum, gerät beim Erzählen gern vom Hundertsten ins Tausendste. Im Grunde würde sie am liebsten Romane wie im 19. Jahrhundert verfassen.
Wenn Kaiser über ihre Abneigung gegen kurze Bücher spricht, liefert sie gleich eine Art Poetologie mit: „Lese ich eine interessante Rezension und das Buch hat 198 Seiten, werde ich es wahrscheinlich nicht kaufen. Bei 800 Seiten greife ich zu. Ich muss wissen, dass mich ein Buch lang begleiten wird. Auch beim Schreiben habe ich nicht den Ansatz, mich so kurz wie möglich zu halten. Manchmal frage ich mich, ob Autoren meiner Generation den Nebensatz verlernt haben. Das Tolle an der deutschen Sprache ist doch gerade ihre Fähigkeit zu ausgedehnten, viel beinhaltenden Sätzen. Alles andere auf der Welt ist inzwischen normiert und limitiert. So viel ich will und so lang ich will – das geht nur im Roman.“
Nächste Woche erscheint ihr Zweitwerk „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, eine in Griechenland, Niedersachsen, St. Pölten, Zürich und Chicago spielende Familiengeschichte. Umfang: 464 Seiten. Kaiser schwört, die Länge sei ihr passiert, sie habe „Makarionissi“ am Computer in ein fortlaufendes Dokument ohne Seitenzählung geschrieben. „Erst als der Roman fertig war und ins Lektorat ging, habe ich den Verlag gefragt, wie lang er eigentlich geworden ist. Bis auf ein paar Seiten ist er wieder so lang wie der erste Roman. Vielleicht ist das ja eine psychische Störung, eine Form von Autismus.“

Die Entstehungsgeschichten der beiden Bücher waren dabei komplett unterschiedlich. „Blasmusikpop“ schrieb Kaiser als Studentin, wenn sie Zeit und Lust hatte, dazwischen gab es immer wieder längere Pausen. Die für den neuen Roman erforderliche Zeit musste sie sich erst freischaufeln. Um wirklich konzentriert am Text tüfteln zu können, verließ sie Wien immer wieder und verschanzte sich im Seehof in Gold­egg oder für vier Monate als Writer-in-Residence an der Bowling Green State University in Ohio.
Kaiser muss untertauchen, um Ruhe zu finden. Im Jahr nach der Veröffentlichung von „Blasmusikpop“ wurde sie immer mehr zur öffentlichen Figur. Irgendwann hörte das Telefon gar nicht mehr auf zu läuten, ständig sollte die Mittzwanzigerin in ­Diskussionsrunden und Talkshows ­auftreten oder Beiträge für Zeitschriften und Zeitungen liefern. All das wohlgemerkt neben längeren, anspruchsvollen Arbeiten wie ihrer fulminanten Bearbeitung der ­Argonautensage als Theaterstück für Jugendliche, die im Wiener Rabenhof zu sehen war.
Den meisten Einladungen ist sie neugierig gefolgt, manches ließ sie aber auch lieber sein, etwa eine Diskussion zum Thema Pensionsreform: „Der zuständige Redakteur wollte unbedingt, dass ich komme. Ich habe ihm gesagt, dass ich vom Pensionssystem leider noch wenig Ahnung habe. Es stellte sich raus, dass sie lauter alte Männer in der Sendung hatten und keine junge Frau gefunden haben. Mir ist in den letzten zwei Jahren aufgefallen, dass es in Deutschland und noch mehr in Österreich an jungen, intelligenten Frauen mangelt, die sich auch was zu sagen trauen. Junge Frauen sieht man im Fernsehen fast nur bei Germany’s oder Austria’s Next Top Model.“

Vea Kaiser entspricht in der Tat so gar nicht den stereotypen Bildern, die viele Menschen im Kopf haben, wenn sie „Schriftsteller“ hören. Oft sei sie verwundert gefragt geworden, warum sie überhaupt ein Buch geschrieben habe, so wie sie ausschaue. „Ich passe in keine der gängigen Vorstellungen“, sagt sie. „Bei Lesungen in Schulen glauben alle, ein Schriftsteller ist ein alter, weißhaariger Mann, der Pfeife raucht. Außerhalb von Schulen überwiegt das Bild vom lässigen Mann Mitte 40, Anfang 50. Dann gibt es noch den verschrobenen Kauz. Und die frustrierte mittelalte Frau. Tatsächlich sind die meisten Debütanten heute weiblich. Man findet schreibende junge Frauen außergewöhnlich, obwohl sie die Mehrheit darstellen.“
Ihren Intensivkurs in Sachen Öffentlichkeit nach dem Erscheinen von „Blasmusikpop“ fasst Kaiser heute in einem Satz zusammen: „Das Wichtigste war, nicht wahnsinnig zu werden.“ Und zu verstehen, dass die Person, die einem aus der Zeitung entgegenblickt, nicht man selbst sei: „Das Stehen in der Öffentlichkeit ist wie ein Spiegelkabinett. Du siehst dich zwar und merkst, das bist du, aber das bist ja nicht wirklich du. Manchmal bist du viel schlanker und eleganter, dann bist du wieder in die Breite verzerrt und hast eine Fratze. Sobald über dich berichtet wird, geht das immer durch den Filter von jemand anderem. Es ist nicht der Spiegel, den du bei dir zu Hause im Badezimmer hast, vor dem du nackt stehst und ganz genau siehst, wo du ein Röllchen hast.“
Die Schriftstellerin hat versucht, sich auf den Rummel vorzubereiten, und gesteht, schon Jahre vor „Blasmusikpop“ Autorenbiografien studiert und sich mit Selbstinszenierungen beschäftigt zu haben. Es hat sie nicht davor bewahrt, in manches Fettnäpfchen zu treten. Dass sie sich für das Magazin The Gap neben einer Kuh auf der Weide fotografieren ließ, darf man zu den Inszenierungen zählen, die nach hinten losgingen: „Es war superironisch gemeint, aber mein Outfit sah am Bild blöderweise nicht superironisch aus“, kommentiert Vea Kaiser das Titelfoto heute.
In Interviews voller Leidenschaft von einer Beziehung zu sprechen, die schon zwei Monate später vorbei gewesen sein wird, erwies sich im Nachhinein auch als ungeschickt; im Internet bleibt das einmal Gesagte und Publizierte ewig stehen.

Wirklich überrascht hat sie, dass auch der Literaturbetrieb nicht ohne die üblichen Oberflächlichkeiten auskommt. Sie betrat ihn in der naiven Überzeugung, „alle Leute, die Bücher schreiben, sind supergescheit, überhaupt nicht oberflächlich, sondern tolerant, lieb und sowieso alle Freunde. Ich habe mich gefühlt wie ein Welpe, der sich freut, auf einer Party sein zu dürfen. Ich bin allen Leuten auf die Oberschenkel gesprungen und habe gesagt: ,Spielt mit mir.‘ Und ich habe jedem alles erzählt. Weil wir doch eh alle Freunde sind.“
Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß: „Zum Beispiel war ich überzeugt, dass es in der Welt der Bücher egal ist, wie man ausschaut. Wenn jemand mit zerrissenen Jeans akzeptiert wird, wird doch sicher auch eine Frau mit Stöckelschuhen und kurzem Kleid akzeptiert. Denkste! Aber ich hatte großes Glück und viele Schutzengel. Es gibt Kollegen, die sagen einmal was Unbedachtes und es wird sofort gegen sie verwendet. Ich habe so viel von mir preisgegeben, aber es ist nichts Schlimmes passiert. Der Welpe hat beim Abschlecken keine dreckige Hand erwischt.“
Zwischenzeitlich hat Vea Kaiser es allerdings bereut, ihren ersten Roman in so jungen Jahren veröffentlicht zu haben. Der frühe Start hätte ihr Privatleben fast ruiniert. Als junge Bestsellerautorin kann man nicht die üblichen dummen Aktionen liefern, die Studenten in dem Alter eben so machen.
Und als in der Öffentlichkeit stehende Figur einen Partner zu finden, ist auch nicht leicht, wie sie erzählt. „Wenn ich einen Mann zum ersten Mal treffe, weiß er in der Regel schon ganz genau, was ich mache. Entweder er hat mich vorher schon gekannt oder er hat mich gegoogelt und tausend Artikel über mich gefunden. Manchmal habe ich mir gedacht: Vea, hättest du dir mit dem Romanschreiben nicht Zeit lassen können, bis du verheiratet bist?“

Dass es einen zweiten Roman geben würde, war dennoch klar. Die Grundidee zu „Makarionissi“ spukte Vea Kaiser schon vor dem Erscheinen ihres ersten Buches im Kopf herum. Es sollte um die griechische Finanzkrise gehen, um radikale Gegenwart des Erzählten. Letztlich haben es allerdings nur 20 Seiten davon ins Buch geschafft. „Ich wollte das Gegenteil von ,Blasmusikpop‘ machen“, erklärt die Autorin, „wollte von jungen Leuten und meiner Zeit erzählen. Aber ich habe gemerkt, ich kann das nicht. Dinge, die sich noch bewegen, kann ich nicht erfassen. Das ist die Arbeit von Journalisten.“
Geworden ist es schließlich eine weit ausholende Familiengeschichte über mehrere Generationen. Aber nicht nur: „Makarionissi“ erzählt von Migration und kulturellen Wahrnehmungsunterschieden. Die Autorin macht mit ihrem Roman auch Werbung dafür, sich etwas eingehender mit Griechenland und dessen jüngerer Geschichte auseinanderzusetzen:
„Viele wissen gar nicht, was da abgegangen ist. Zwischen 1946 und 1949 gab es einen der schlimmsten Bürgerkriege und zwischen 1967 und 1974 herrschte eine Militärdiktatur. Während viele dort Urlaub gemacht und vom urtümlichen, schönen Griechenland geschwärmt haben, wurden Leute gefoltert. Diese Wahrnehmungsverschiebungen interessieren mich.“
Thematisch hat sie sich mit „Makarionissi“ von der Putzigkeit ihres „Blasmusikpop“ emanzipiert, und auch sonst ist dem neuen Roman anzumerken, dass seine Verfasserin ein paar Jahre älter ist und schreiberisch auf festeren Beinen steht. Wie nur wenigen gelingt Kaiser der Spagat zwischen Literarizität und Unterhaltung. Ja, er sieht bei ihr gar nicht einmal nach Verrenkung aus.

Dass im deutschsprachigen Raum immer noch zwischen anspruchsvoller Literatur und Unterhaltung unterschieden wird, geht ihr massiv gegen den Strich: „In den USA wäre ein Autor stolz zu sagen: ,I’m an entertainer.‘ Hier hat man bei dem Begriff gleich das Geschmäckle, dass es nicht so wertvoll ist. Ich hatte beim ersten Buch oft das Gefühl, ich muss mich dafür entschuldigen, einen unterhaltsamen Roman geschrieben zu haben. Aber wenn ich die Wahl hätte zwischen hundert Leuten, die mit meinem Buch eine supergeile Zeit haben, und einem Literaturpreis, würde ich die hundert Leute nehmen.“
Das Aufnahmegerät zeigt an, dass sich das Gespräch der Zwei-Stunden-Marke nähert, Vea Kaiser ist immer noch richtig gut in Schwung. „Brauchen Sie noch was?“, fragt sie. Das rasche Abwinken ihres Gegenübers bringt sie zum Lachen: „Ich rede so lang, wie ich schreibe, gell?

Sebastian Fasthuber in FALTER 19/2015



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