April. Tagebuch des April 2004

Helmut Krausser


An sich ist vierzig kein Alter für einen Schriftsteller. Dennoch kokettiert Helmut Krausser bereits mit dem Aufhören. "Dies also wird mein letztes Buch. Es werden danach noch zwei, drei erscheinen, die aber alle längst geschrieben sind", lässt der umstrittene deutsche Autor die Leser von "April" wissen, dem finalen Band von Kraussers Tagebuchreihe. Es sei doch interessant, sich in den wichtigsten Entwicklungsjahren eines Schreibers - Krausser setzt sie zwischen 28 und vierzig an - selbst zuzusehen, hatte einst die Ausgangssituation des Projekts gelautet. Beginnend mit Mai 1992, führte der Münchner jedes Jahr einen Monat lang Tagebuch. Das Ergebnis erschien jeweils kurze Zeit später im kleinen belleville-Verlag bzw. in weiterer Folge in Zweier- und Dreierpacks gesammelt bei Rowohlt. Mit der Zeit entwickelte sich Kraussers Selbst- und Weltspiegelung (Politik, Moral, Kunst) zu einer dieser Lektüren, an der man sich süchtig lesen konnte. Der Autor vermag ebenso größenwahnsinnig zu poltern wie weiland Kinski in seiner kurios-furiosen Autobiografie "Ich brauche Liebe", aber es schleichen sich bei ihm dazwischen doch immer wieder Selbstzweifel ein. Er kann Konkurrenten mit ein paar gezielt abgefeuerten Sätzen schwer verwunden, ist aber gleichzeitig zu zärtlicher Begeisterung (zum Beispiel über Daniel Kehlmann) fähig. In "April" überwiegen die etwas leiseren Töne, ja es macht sich fast schon Altersmilde breit. Und selbst Regression scheint Krausser eine Option: Mit "fertig. klingt wie: mama, abwischen! dennoch: fertig" nimmt das Büchlein das vielleicht befreiendste Ende in der jüngeren Literaturgeschichte.

(...)

Sebastian Fasthuber in FALTER 49/2004



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