Detektivgeschichte

Imre Kertész


Imre Kertész' "Detektivgeschichte" zeigt den Totalitarismus aus der Sicht des geständigen Mitläufers.

Noch nie habe er "ein Stück Prosa geschrieben, das nicht aus unmittelbarer und drängender existenzieller Not hervorgegangen war", schreibt Imre Kertész in seinem Vorwort über die "Detektivgeschichte", die soeben - über ein Vierteljahrhundert nach ihrer Niederschrift - auf Deutsch erschienen ist. Als eine Art Gelegenheitsarbeit sei sie seinerzeit erschienen, weil dem ungarischen Verleger Kertész' dessen Roman "Der Spurensucher" nicht umfangreich genug gewesen sei.

Aufs Erste mag man den Eindruck haben, hier würde der Rowohlt Verlag ein Nebenwerklein des Literaturnobelpreisträgers von 2002 mühsam zur eigenständigen Publikation aufpumpen. Ein Schelm, wer Böses denkt: Hätte Kertész auch nur die "Detektivgeschichte" geschrieben, er hätte keinen geringen Beitrag zur literarischen Aufarbeitung des Totalitarismus geleistet, der hier - um die ungarischen Zensoren nicht auf dumme, also richtige Gedanken zu bringen - in ein imaginäres lateinamerikanisches Land verlegt wurde. Und auch dort ist Auschwitz, das im Zentrum von Kertész' Schaffen, allen voran dem "Roman eines Schicksallosen" steht, gegenwärtig: Ein Modell der so genannten Boger-Schaukel, eines nach seinem Erfinder benannten Folterinstruments, steht auf dem Schreibtisch eines rabiat antisemitischen Angehörigen des so genannten "Corps", einer Spezialeinheit des namenlosen Miltärregimes.

Die Technologie des Folterns selbst bleibt weitgehend ausgespart - der Schrecken nistet in der lakonischen Diskretion, mit der Antonio Martens, ein der Mithilfe zum Mord angeklagtes Corps-Mitglied, die Verhörprozedur beschreibt, die "im großen und ganzen so wie im Film" vonstatten geht: "Dann beugte er sich plötzlich nach vor. Er überanstrengte sich nicht besonders, achtete darauf, keine bleibenden Spuren zu hinterlassen. (...) Viele Worte waren danach nicht mehr nötig."

Die "Detektivgeschichte" ist eine simple Story mit einer gut ausgedachten, perfiden Pointe. Ihre Abgründigkeit und Subtilität aber liegt in der Sprache, mit der Martens von den Ermittlungen gegen Enrique Salinas Senior und Junior erzählt, dem Besitzer einer Supermarktkette und dessen Sohn - ein bürokratischer Akt, der nur dem Anschein nach objektiver Informationsakkumulation dient, in Wahrheit Schuldige produziert: "Aus der registrierten Person würde früher oder später eine verdächtigte Person werden, das stand außer Zweifel."

In seinem einleitenden Kommentar zu dem Manuskript, das Martens ihm überlassen hat, attestiert Martens' Verteidiger seinem Klienten, den er anfangs "für einen durch und durch zynischen Menschen" hält, keine der üblichen Verhaltensarten an den Tag zu legen - weder hartnäckiges Leugnen noch "jene Art wehleidiger Reue, deren eigentliches Motiv brutale Mitleidlosigkeit und Selbstmitleid sind". Das mag zutreffen, beweist aber wenig. Martens' Auslassungen folgen einer Strategie der Selbstlegitimation, mit der er sich im Kontrast zu seinen beiden Kollegen, dem sadistisch-brutalen Rodriguez und dem zynisch-geviften Diaz, als naiven Mitläufer entwirft: "Nur ich werde immer erwischt, solche Leute wie ich, meine ich."

Kertész' Rollenprosa ist abstrakt genug, um aufs Exemplarische hin durchsichtig zu bleiben, und präzise genug, um der Gefahr bloß behaupteter Allgemeingültigkeit zu entgehen, der alles Parabelhafte zuneigt (was hätten Autoren von Friedrich Dürrenmatt abwärts nicht für einen Unfug mit diesem Stoff anstellen können?!). Kertesz aber legt seinem Protagonisten nicht einfach die Wahrheit in den Mund (und sei es eine solche, die aus der Selbstentlarvung oder -Denunziation spräche), sondern zieht sozusagen einen doppelten Diskursboden ein: Martens' Rede gibt etwas von der Technologie der Macht preis und bleibt dennoch stets auch tendenziös; der Hinweis auf die grausame Logik des Systems, die jedem eine Rolle zuweist und in dem niemand sauber bleiben kann, hat auch die Funktion, den Rede Führenden zu exkulpieren.

Die Hermeneutik des Verdachts, derer sich die Handlanger des Regimes so brutal bedienen, richtet sich gegen die Verfolger selbst: Wer sich verteidigt, ist schon suspekt. Zu Ende gedacht bedeutet das nichts weniger, als dass der Leser in dieser detektivlosen "Detektivgeschichte" gegen sich selbst ermittelt. Kann Literatur mehr leisten?

Klaus Nüchtern in FALTER 49/2004



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