Rabenbraten

Monika Wogrolly


In "Rabenbraten" bleibt Monika Wogrolly ihren Obsessionen treu: Frauen, die an die falschen Männer geraten und viel Geld für Therapie ausgeben.

Was soll man von einer Frau halten, die im Begriff ist, zu ihrem Mann nach Italien zu übersiedeln, es sich kurzerhand aber anders überlegt, weil sie einen verletzten Vogel auf der Straße findet und zudem nicht sicher ist, ob sie nicht gerade ihren letzten One-Night-Stand ermordet hat? Wer glaubt, Ersteres sei ein Fall für den Tierarzt, Zweiteres der Anfang eines spannenden Krimis, wird gleichermaßen enttäuscht. "Rabenbraten", Monika Wogrollys jüngster Roman, pendelt zwischen Analysesitzungen, in denen es zu klären gilt, ob der Mord wirklich passiert ist, und in denen die Protagonistin ihren etwas verqueren Liebesanspruch formuliert, abgefahrenen "Flügelträumen", die ein gelungenes Fressen für jeden Therapeuten sind, diversen realen Beziehungskonstellationen (zwischen dem Ehemann, einem Arzt, dem behandelnden Psychiater und dem Mordopfer) und dem nicht gerade bescheidenen Anspruch, auch noch das Schreiben an sich zu reflektieren. Ehrgeiz, ahoi!

Die Grazer Autorin Monika Wogrolly, Spezialistin für überspannte Frauen, die ihren Psychiatern nicht nur ihr Innenleben ausbreiten, sondern mit ihnen gerne auch ihre sexuellen Fantasien ausleben; Frauen, die auf der Suche nach Anerkennung nachgerade notgedrungen in fremden Betten landen (SM-Praktiken eingeschlossen); Frauen, die ordentlich viel innere Beschädigungen aufzuarbeiten haben und immer wieder in dieselbe Falle tappen (sadistische Männer), bevor sich in ihrem nicht unexzentrischen Leben wenigstens ein Stückchen bewegt.

In "Rabenbraten" begegnen wir einer hyperreflexiven Protagonistin, die ihrem Psychiater schon immer selbst mit einer möglichen Diagnose zuvorkommt: "Sie werden sagen, ich habe ein solch verzweifeltes Kind in mir und möchte erreichen, dass Sie sich seiner erbarmen." Die Frau ist mit einer gehörigen Portion Ironie ausgestattet und sucht trotzdem verzweifelt nach einem "roten Faden" in ihrem Leben. Sie hofft auf einen "Brief des Raben", der ihrem Leben eine Richtung gibt und sie bei sich selbst ankommen lässt, denn: "Ich spiele mein Leben, ich lebe nicht."

"Du kannst Fantasie und Realität nicht unterscheiden, das ist das Problem", diagnostiziert Ehemann Michele hingegen. Und der Roman setzt alles daran, diese These zu untermauern. Reichlich überspannt pendelt die Frau zwischen ihren Männern, als wären es Kleider, die man mal schnell bei H&M anprobiert, mitnimmt und wieder umtauscht.

Auf 300 Seiten bietet "Rabenbraten" ungehemmte Nabelschauprosa, die - im Unterschied zu Wogrollys viel kompakteren Romanen "Die Menschenfresserin" und "Herzlos" - zu einer altmodischen, sich satt in Innerlichkeit suhlenden Frauenselbstfindungsprosa tendiert. Schon klar, Therapie ist Wiederholung, aber in einem Endlos-Loop muss Literatur deshalb noch lange nicht kreisen. Auch Wogrollys bilderreiche Sprache war schon mal klarer, kälter und präziser als in ihrem jüngsten Roman, der die Vogel- und Flügelmetapher echt überstrapaziert: Mal ist der Vogel real, dann verwandelt sich der Psychiater, der zufällig auch Rabe heißt, in einen Vogel, und auch das Mordopfer heißt Mr. Wings; andauernd ist vom Fliegen und Flügeln und Einen-Vogel-Haben die Rede.

Nur am Schluss hebt das Buch auf eigenartige Weise doch noch ab, wenn die Frau ausgerechnet mit ihrem Psychiater einen klassischen Cluburlaub auf Bora Bora verbringt. Dann ist die Sexselbstbedienungswelt Houellebecqs nicht mehr weit, kurz bevor es zu einem kitschigen Happy End mit dem vermeintlichen Mordopfer kommt und die Frau schlussendlich doch noch "das Fliegen lernt" (natürlich mit und durch einen Mann). Kann das ernst gemeint sein? Oder ist es doch Über-Ironie? Man kann nur hoffen.

Karin Cerny in FALTER 49/2004



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