Astronauten

Sandra Gugić


Astronaut, grüß mir die Sterne

Die Wienerin Sandra Gugić legt mit "Astronauten"
das Romandebüt der Saison vor

Alex zum Beispiel befindet sich auf Weltreise. Zumindest soll das Umfeld das glauben. Tatsächlich haben seine Eltern ihn zum wiederholten Mal auf Entzug in eine Klinik eingewiesen: ",Warum haben Sie begonnen, Drogen zu nehmen?' Wissen Sie, Dr. Soundso, ich hab versucht das Muster zu ändern, das Sie Realität nennen. Es war so schrecklich langweilig."
Die "Astronauten" von Sandra Gugić sind immer unterwegs. Auf der Flucht vor der Realität greifen sie nach den Sternen – und landen meist auf der Fresse. Die in Berlin lebende Wienerin, Jg. 1976, hat einen Großstadtroman geschrieben, der sich um ein Ensemble denkwürdiger Figuren dreht. Junkie Alex gehört ebenso dazu wie die drei Problemjugendlichen Zeno (wütend), Darko (ängstlich) und Mara (rätselhaft) sowie Maras Vater Alen und der Polizist Niko. Jede Figur hat ihre eigene Stimme, einen unverkennbaren Sound – und ihre Dämonen, die sie rastlos durch eine namenlose Großstadt treiben.
Die Kritik brandmarkt solche Figuren mitunter als Randexistenzen und betrachtet sie mit falschem Mitleid. Gugić' Helden haben aber Köpfchen, Anmut und eine ganz eigene Poesie. Sie bemühen sich, die Stadt zu lesen und damit vielleicht auch das Chaos in ihren Köpfen ein wenig zu sortieren.
"Die Astronauten sind nicht gerade bevorteilt vom Leben", sagt die Autorin, "aber sie haben keine Angst hinzuschauen, auf die Details, dorthin, wo es weh tut, und auf das Ganze, soweit sie es erfassen können. Sie scheitern, aber sie geben nicht auf. Was man von den meisten Mitmenschen, auch wenn ihre Position in der Mitte der Gesellschaft ist, wahrscheinlich nicht behaupten kann. Prinzipiell denke ich, man sollte genau hinschauen und niemanden unterschätzen."
Letzteres passiert vielen Debütanten. Sandra Gugić hatte aber bereits einen guten Namen, bevor sie ihr erstes Buch vorlegte. In literarischen Zirkeln kursiert ihr Name seit einigen Jahren, 2012 etwa gewann sie den in Deutschland wichtigen Open Mike Wettbewerb in Berlin. "Das war großartig, aber es hat nur oberflächlich etwas bewegt", sagt sie zielstrebig. "Ich wusste schon lange davor, welcher Agentur ich vertraue, und gemeinsam haben wir in weiterer Folge auch die richtige Lektorin, den richtigen Verlag gefunden."
Mit ihrem Erstling hat es sich die Absolventin des Instituts für Sprachkunst in Wien und des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, die auch schon Theaterstücke vorgelegt hat, nicht leicht gemacht. "Astronauten" erzählt keine straight story, sondern gleich sechs Geschichten, die auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind.

Eine erfüllende Aufgabe: "Ich hatte unzählige Textfragmente der einzelnen Erzählstimmen, die ich im Laufe der Arbeit ordnen musste und nach und nach in eine Erzählstruktur eingebettet habe. Dabei habe ich auch analog gearbeitet, ganze Kapitel ausgedruckt, auf dem Boden ausgelegt, in einem assoziativen Cut-up-Verfahren zerschnitten und umsortiert – und danach neue Übergänge und Brücken geschrieben. Manchmal war es zum Verzweifeln, dann wieder konnte ich über mich selbst lachen. Irgendwann musste ich den Text loslassen."
Sie dürfte den richtigen Zeitpunkt erwischt haben. "Astronauten" ist ein funkelnder Roman, verfasst in einem literarischen Stil, aber auch nicht überambitioniert oder unnötig verrätselt. Und Sandra Gugić ist der Glücksfall einer modernen Autorin, die sich mit verschiedensten Strömungen und Avantgarden der Literaturgeschichte auseinandergesetzt hat und gleichzeitig lesbare Kost produziert, die vom Hier und Jetzt handelt.
Worum es ihr geht: "Dringlichkeit, Intensität und ein bewusster Umgang mit Sprache, der nicht in Kunsthandwerk oder Manierismus abdriftet, das interessiert mich in der Literatur. Ob ein Text autobiografisch gefärbt ist oder nicht, ist mir dafür komplett egal und vor dem inflationär verwendeten Wort Authentizität graust es mir."
Ein bisschen was von der Autorin steckt aber natürlich doch in ihren Figuren. Gugić' Eltern sind in den 70er Jahren aus Serbien nach Österreich gekommen und mussten sich aus dem Nichts eine Existenz aufbauen. Die Tochter hat das geprägt: "Vieles war für mich als Kind nicht so selbstverständlich wie für andere. Das hat meinen Blick auf die Welt geschärft, meinen Umgang mit Menschen und mit Sprache beeinflusst."

Sebastian Fasthuber in FALTER 9/2015



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