Junges Licht

Ralf Rothmann


Ralf Rothmanns "Junges Licht" erzählt unsentimental von einer Kindheit im Ruhrpott und setzt einer verlorenen Generation ein Denkmal. Der "Falter" traf den Autor, der Station auf Lesereise in Wien machte.

Die Antwort auf die Entscheidungsfrage kommt sozusagen wie von der Sehne geschnellt: "Indianer natürlich! Die waren frei und konnten alleine durch die Wälder streifen, während man als Cowboy im Fort lebte - das war irgendwie nix. Außerdem waren die Cowboys in der Region, in der ich aufgewachsen bin, besser ausgestattet: Die hatten schon Erbsenpistolen, wir Indianer natürlich nur Pfeil und Bogen."

Von der Stammeszugehörigkeit her muss Ralf Rothmann, Jahrgang 1953, wohl als Schwarzfußindianer gelten, wuchs er doch im Ruhrgebiet als Sohn eines Bergarbeiters auf, dem er nun - in seinem sechsten Roman "Junges Licht" - noch einmal "ein kleines Denkmal" setzen wollte, nachdem dieses Unterfangen davor gescheitert war: Rothmanns "Milch und Kohle" war dann doch ein Roman über die Mutter geworden, deren Dominanz offenbar bis über den Tod hinaus auf den Sohn wirkte. Der schreibt, wie er selbst sagt, "autobiografisch getönte" Bücher, die aus nahe liegenden Gründen eben im Ruhrpott spielen. Wäre er in Freiburg im Breisgau aufgewachsen, hätte er sich wohl das Winzermilieu ausgesucht, meint Rothmann und stuft den Ort der Handlung als "sekundär" ein - als eine "Folie für die Gestaltung von Schicksalen und Personen".

An sich hat Rothmann seine Ruhrpott-Trilogie, bestehend aus den Romanen "Stier" (1991), "Wäldernacht" (1994) und "Milch und Kohle" (2000), schon hinter sich gebracht, den Berlin-Roman "Hitze" (2003) dazwischengeschoben und an keine Fortsetzung gedacht. Bis er im vorigen Jahr dann eine Produktion des RuhrTriennale-Intendanten Gérard Mortier sah, der "Milch und Kohle" als Singspiel mit Musik von Giuseppe Verdi adaptierte: Die Aufführung hieß "Sentimenti" und berührte Rothmann dermaßen, dass er sogar vergaß, von wem die Vorlage stammte. Der Schacht der Erinnerung wurde erneut geöffnet, und ohne groß zu recherchieren förderte der Autor ein weiteres Stück kohlenstaubdunkler Kindheit zutage.

Dabei ist sein jüngster Roman gar nicht finster geworden und dem Titel "Junges Licht" vollkommen adäquat. Ganz im Gegenteil: Die Welt des zwölfjährigen Icherzählers Julien Collien, dem das Buch einige Sommerwochen folgt, war dem Autor schlussendlich zu sonnenhell und lichtdurchflutet gewesen - "mir fehlte da was Dunkles". Diesem Bedürfnis wurde in Form einiger Einschübe Rechnung getragen, die auf überaus suggestive und präzise Weise die mühselige und gefährliche, aber auch poetische Arbeit eines Bergmanns beschreiben. Rothmann hatte sie - unterstützt nur von einem kleinen Handbuch des Bergbaus - aus der Erinnerung an die Erzählungen seines Vaters rekonstruiert und von einem Steiger lektorieren lassen; der meinte: "Du musst da einmal unten gewesen sein", was der Angesprochene nur verneinen konnte: "Ich kriege ja schon im Aufzug Platzangst." Natürlich wollte er als Bub dem Vater nacheifern und dessen Beruf ergreifen; doch Papa Rothmann meinte nur: "Wenn du das machst, hau' ich dir die Schippe ins Kreuz." Die Konsequenzen waren klar: "Ich bin halt auf den Bau gegangen, eine andere Alternative gab's ja damals nicht."

Rothmann begann in einer Zeit zu schreiben, als die so genannte "Literatur der Arbeitswelt" hoch im Kurs stand. Womit der junge Schriftsteller aber nun gar nichts am Hut hatte: "Die Sprache hatte mir zu wenig Eros. Außerdem kam ich ja aus der Arbeitswelt und wollte die nicht besingen, sondern überwinden." Davon ist in "Junges Licht" freilich nicht viel zu merken. Es ist die völlig unsentimentale Würdigung einer Arbeit, die literarisch gleich auf mehreren Ebenen stattfindet: Das poetische Potenzial des Bergbaus ist schon von Novalis erkannt worden, der die Bergleute "umgekehrte Astronomen" nannte; Rothmanns grandiose und im wahrsten Sinne des Wortes luzide Beschreibungen der Welt unter Tag warten aber nicht nur mit visuellen "Effekten" auf ("Wo immer er hinblickte, es funkelte im Schein seiner Kopflampe, und manchmal gleißte es so weiß, dass er die Augen zusammenkniff. Als wüchse hier Licht, junges Licht in winzigen Kristallen."), sondern mit Worten wie "Gezähekiste", "Gedingelage" oder "Arschleder", also einer Sprache, deren "lyrischen Eigenwert" Rothmann bewahren wollte. Nicht zuletzt aus Empathie für eine "verlorene Generation", die vorschnell und meist zu Unrecht in den Nazitopf geworfen wurde: "Mein Vater, der eigentlich ein sehr zartfühlender Mensch war, ist schwer verwundet, gewissermaßen auf allen Vieren aus dem Krieg heimgekehrt und dann auch noch im Wirtschaftswunder aufgerieben worden. Er wurde mit 55 pensioniert, mit 60 Alkoholiker und ist mit 61 gestorben."

Die Mitleidsästhetik ist nach Lessing & Co. ein bisschen in Misskredit geraten, Ralf Rothmann aber hat mit diesem "unbequemen Gefühl" (Adolf Holl) kein Problem: "Ich denke, Mitleid ist überhaupt das Wichtigste in der Literatur - sonst produzieren wir doch nur verbale Schnörkel. Wenn Literatur überhaupt noch eine humanisierende Funktion haben kann, dann doch nur, indem ich Schicksale gestalte, die andere Menschen so anrühren, dass sie sagen: ,Um Gottes Willen, so sollte es nicht sein auf der Welt!'"

Literarisch heikel wird Mitleid dann, wenn es - ästhetisch nicht bewältigt - zur Gefühligkeit verkommt. Davon aber kann in "Junges Licht", dieser von der Not des Heranwachsens, der Geld- und Sprachnot der Eltern handelnden Kindheitsgeschichte aus den Sechzigerjahren, keine Rede sein. Rothmann erzählt auf Augenhöhe eines Zwölfjährigen, ohne dessen Idiom nachstellen zu wollen: "Sonst wäre es ja ein stammelnder Roman geworden."

Julian hat einiges einzustecken: die Züchtigungen zynischer Lehrer, die üblichen juvenilen Erniedrigungsrituale und erotischen Herausforderungen, die harte Hand einer gallenkranken und nicht eben von Zuneigung überschwemmten Mutter. Der Autor verzichtet allerdings aus gutem Grund darauf, uns die Innenwelten seiner Protagonisten offen zu legen und auszudeuten; beschreiben statt behaupten lautet sein ästhetisches Credo: "Wenn ich erwähne, dass ein Zimmer unaufgeräumt ist, bleibt das eine Behauptung. Wenn ich es allerdings so darstelle, dass der Leser denkt: ,Was für ein Saustall!', habe ich es beschrieben." So gesehen ist Ralf Rothmann ein veritabler Beschreibsteller, und der Umstand, dass ein Ruhrpott-Roman die Bestenliste des Österreichischen Rundfunks anführt, der verdiente Lohn für seine unspektakuläre, aber eindringliche Kunst.

Klaus Nüchtern in FALTER 48/2004



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