„Sei nicht böse, dass ich im Kerker.... Die Opfer der NS-Justiz in Graz 1938 bis 1945. Ein...

Heimo Halbrainer


Tod im Keller

155 Menschen ließ die NS-Justiz zwischen 1943 und März 1945 im Keller des Landesgerichts Graz exekutieren. Der Umgang mit Tätern und Opfern war auch nach 1945 teils skandalös

Als die Witwe des am 12. Mai 1944 im Landesgericht Graz hingerichteten Judenburger Widerstandskämpfers Johann Freitag bei der Verwaltung des Zentralfriedhofs nachfragte, wo ihr Mann begraben sei, wurde ihr mitgeteilt, dass sich das nicht sagen lasse, da er wahrscheinlich mit anderen Hingerichteten "in einem Massengrabe beigesetzt worden ist". Mehr als zwei Jahre nach der Hinrichtung sollten sie und andere Angehörige im August 1946 schließlich aus den Medien erfahren, wo die Leichen geblieben sind. Durch Zufall war ein Mitarbeiter des Landesverbandes ehemals politisch Verfolgter bei den Recherchen für eine Gedenkstätte am Zentralfriedhof in Graz bei der Durchsicht der Bücher in der Friedhofsverwaltung auf 44 namenlose Tote gestoßen. Bald war klar, dass es sich bei den Leichen um Hingerichtete handelte, die Anfang des Jahres 1946 vom Anatomischen Institut der Universität Graz hierher gebracht worden waren, ohne dass die Angehörigen, die Behörden oder der Opferverband informiert worden wären.
In knapp mehr als 18 Monaten waren im Keller des Landesgerichts Graz von Ende August 1943 bis Mitte März 1945 insgesamt 155 Personen exekutiert worden. Darunter waren 23 Soldaten, die von verschiedenen Gerichten der Wehrmacht wegen Desertion und Wehrdienstverweigerung, sowie 14 Frauen und 69 Männer, die wegen Widerstands gegen den Nationalsozialismus zum Tode verurteilt worden waren. Zuvor waren 62 in Graz zum Tode verurteilte Widerstandskämpfer nach Wien überstellt und in der Hinrichtungsstätte des dortigen Landesgerichts exekutiert worden.

Dass Graz eine eigene Hinrichtungsstätte hatte, ging auf die Forderung des steirischen Gauleiters Sigfried Uiberreither zurück, der seit 1942 immer wieder eine "beschleunigte Durchführung aller Verfahren" – den "kurzen Prozess" – forderte. So schlug er etwa auch die Errichtung eines eigenen Senats des Volksgerichtshofs Berlin in Graz vor, was aber sowohl vom Justizminister als auch dem Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler abgelehnt wurde. Sein Drängen führte aber schließlich dazu, dass in Graz eine eigene Hinrichtungsstätte errichtet wurde. Zudem wurde 1944 am Oberlandesgericht Graz noch ein eigener Senat für Hoch- und Landesverrat und im untersteirischen Marburg (Maribor) ein Sondergerichtshof für politische Straftaten in der Untersteiermark errichtet. Diese beiden Gerichte sowie der Volksgerichtshof sollten bis zuletzt massenhaft Todesurteile gegen Mitglieder des steirischen und Kärntner Widerstands aussprechen. Oft genügten aber auch Spendenleistungen von nur wenigen Reichsmark für Familien politisch Verfolgter oder Äußerungen in Briefen oder gegenüber Arbeitskollegen, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden könne.

Als nach der Befreiung vom Nationalsozialismus noch im Mai 1945 erste Leichen von Hingerichteten in einem Massengrab auf der Militärschießstätte Feliferhof entdeckt wurden, gelobte Landeshauptmann Reinhard Machold "am offenen Grab der Gemordeten die Schuld zu tilgen". Er setzte noch im Mai 1945 eine Kommission ein, die die Aufgabe hatte, "alle amtlichen Feststellungen über den Hergang dieser Morde und die Feststellung der Schuldigen zu veranlassen". Der bereits 1946 vorgelegte und auch publizierte Bericht gab zwar einen ersten Einblick zu den Hinrichtungen in Graz, doch machten die darin wiedergegebenen Zeugen in ihren Aussagen vielfach keinen Unterschied, ob es sich bei den Hinrichtungen um solche in der SS-Kaserne, am Feliferhof oder im Landesgericht Graz handelte. Wie wenig von diesem Bericht zu erwarten war, geht allein schon aus der Tatsache hervor, dass dieser Kommission auch der Leiter des Anatomischen Instituts angehörte, der im Jänner und Februar 1946 die Leichen der hingerichteten Widerstandskämpfer von seinem Institut still und heimlich auf den Zentralfriedhof hatte bringen lassen.
Die unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus eigens geschaffenen Volksgerichte, die die NS-Verbrechen ahnden sollten, ermittelten u.a. auch gegen Juristen an den Sondergerichten. Kein einziger wurde aber wegen seiner Todesurteile juristisch belangt. Die Verfahren endeten nicht selten mit der Einstellung, wie etwa jenes gegen Staatsanwalt Dr. Leopold Makowksi. Er hatte in mehreren Fällen an Todesurteilen mitgewirkt. Unter anderem vertrat er die Anklage gegen die Grazer Hausfrau und kommunistische Widerstandskämpferin Hildegard Burger, die am 20. Mai 1943 zum Tode verurteilt wurde. In der Einstellungsbegründung heißt es u.a., dass er "seine Tätigkeit als Erster Staatsanwalt sehr menschlich ausgeübt" habe. Zudem – so hieß es weiter – "ist nicht ein einziger Fall nachgewiesen, in welchem aufgrund einer Hauptverhandlung, bei dem er als Staatsanwalt die Anklage vertrat, ein Todesurteil gefällt wurde oder in welcher er in irgend einer anderen Weise über seine Verpflichtung hinaus jemanden unmenschlich behandelt und in einen qualvollen Zustand versetzt hätte". In der Folge wurde auch der Bescheid seiner Entlassung aus dem Justizdienst aufgehoben und er wurde als Rechtsanwalt und Verteidiger in Strafsachen wieder zugelassen.

Der Nichtahndung der NS-Justizverbrechen ­entsprach auch der geradezu skandalöse Umgang mit jenen Männern und Frauen, auf die sich die Republik Österreich immer wieder berief, wenn es darum ging, den in der Moskauer Deklaration geforderten Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu betonen. Denn nachdem die 44 Leichen am Grazer Zentralfriedhof im Sommer 1946 gefunden worden waren, passierte genau nichts. Keine Untersuchung, kein Erinnern. Erst im November 1961 wurde an der Stelle, wo die Leichen gefunden worden waren, ein Mahnmal errichtet, das diese und andere Opfer der Steiermark namentlich nannte. Da rund die Hälfte dieser Männer und Frauen Opfer der sogenannten "Sühnemaßnahmen" waren, wie die Geiselerschießungen der Nationalsozialisten in der Untersteiermark genannt wurden, wurde das Mahnmal in den Medien als "Grazer ‚Partisanenstein'", als "Jugo-Mahnmal" oder als "Partisanendenkmal" denunziert. Der offizielle Vertreter des Landes Steiermark meinte bei dessen Enthüllung daher auch: "Anlässlich der Majestät des Todes wollen wir der Opfer gedenken, die hier, in den Nachbarländern und in Europa, ja in aller Welt, von vielen Völkern gebracht wurden. Das heute existierende Österreich trägt für diese Opfer keine Schuld, auch nicht dafür, dass sie hier bestattet sind."
1962 wurde schließlich im ehemaligen Hinrichtungsraum ein Gedenkraum eingerichtet, in dem seit November 2014 eine Gedenktafel erstmals die Namen aller 106 hier wegen ihres Widerstands gegen den Nationalsozialismus Hingerichteten nennt. Das Gedenkbuch "Sei nicht böse, dass ich im Kerker sterben muss. Die Opfer der NS-Justiz in Graz 1938 bis 1945" gibt diesen nun ihre Geschichte wieder. Es handelt aber auch vom Terror der NS-Justiz in der Steiermark und dem schlampigen bis skandalösen Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit den Tätern und Opfern.

Heimo Halbrainer in FALTER 49/2014



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