Tochter der Revolution. Erinnerungen

Vera Broido, Burkhard Müller-Ullrich


Schon oft wollte er von seiner Jugend erzählen, habe es aber "nie gewagt", schreibt Michail Kalaschnikow. Sein um 1949 entwickeltes AK-47 war das am weitesten verbreitete Gewehr in den heißen Zonen des Kalten Kriegs. In seiner Autobiografie dokumentiert der vor 85 Jahren geborene Waffenkonstrukteur ein Trauma, das seine vorauseilende Anbiederung an den Stalinismus motiviert und den Autodidakten zum führenden Militärtechniker seines Landes gemacht hat. "Mein Leben" erzählt von einem Vorzeigebürger der UdSSR - dienstbeflissen, opportunistisch und als Deputierter des Obersten Sowjet auch auf politischer Ebene für eine Ordnung aktiv, die seine Familie 1930 um Hab und Gut gebracht hatte. Michails Eltern waren Gutsbesitzer, Kulaken. Stalin ließ ihre soziale Kaste vernichten, nach Sibirien deportieren, wo der Vater auch starb. Statt sich aufzulehnen, flüchtete der junge Michail in den Bauch des Staatsapparats, um eine Bilderbuchkarriere hinzulegen. Seine Herkunft musste er verdrängen, verschweigen.

Man lege die Erinnerungen der im Februar verstorbenen Vera Broido daneben, die noch zu Zarenzeiten zweimal mit ihren Eltern in die Verbannung ging, um dem Merkwürdigen den Zauber der Unbeugsamkeit entgegenzusetzen. Illegalität, Flucht und Todesangst unter den Romanows und den Bolschewiki prägten die Kindheit der "Tochter der Revolution", die auch als Erwachsene ein Gegenleben führte. Ihre Eltern waren Berufsrevolutionäre, und auch deren Kinder mussten die Parteinahme für den demokratischen russisch-kommunistischen Flügel der Menschewiki - die unterlegene Seite - teuer bezahlen. Man muss sich allerdings in den politischen Wirren zwischen 1860 und 1941 sehr gut auskennen, damit diese faszinierenden, nostalgischen und dennoch differenzierten Erinnerungen ihre Wirkung entfalten können. Hätte der Verlag die selbst Kennern kaum geläufigen Details eines vergessenen Arms der sozialistischen Bewegung kommentiert und erläutert, wäre das Buch ein famoses Korrektiv zur landläufigen Meinung, die Ideen von Marx hätten zwangsläufig einen Lenin und einen Stalin hervorbringen müssen.

Martin Droschke in FALTER 47/2004



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