Weltgunst

Thomas Kapielski


Der deutsche Hochprozent-Autor Thomas Kapielski lässt in seinem neuen Buch "Weltgunst" das Bier warm werden.

Den Seinen gibt's der Herr nicht nur im Schlaf, sondern mitunter schon vor dem Einschlafen. Eines Nachts quälten Thomas Kapielski trübsinnige Gedanken, da erschien ihm ein Engel am Bett "und befahl mir, unverzüglich vierzehn Halbe trinken zu gehen. ,Und harre geduldig meiner weiteren Dekrete.' Ich marschierte los und verabreichte mir das himmlisch verordnete Quantum. Und alles ward gut. Da weitere Edikte ausblieben, befolgte ich im Falle einer neuerlichen Betrüblichkeit das bewährte Verfahren auf gewohnte Weise."

Es hat zunächst den Anschein, als sei der 53-jährige Thomas Kapielski, von einer treuen Fangemeinde kultisch verehrter Autor vergriffener Bändchen wie "Nach Einbruch der Nüchternheit", ganz der Alte. Auch in seinem neuesten Buch mit tagebuchartigen Reflexionen stimmt der genial dilettierende Autor, Musiker und Künstler zeitweise wieder das Lob der Trunkenheit und die Bedeutung des Rausches für einen optimalen Gedankenfluss an.

Doch trotz manch beschwingter Stunde herrscht in "Weltgunst" Katerstimmung vor. Die Frau, die im vorhergehenden Band "Sozialmanierismus" (2001) noch mehr oder weniger gute Miene zu des Autors Vorliebe für tagesfüllende Kneipenbesuche machte, ist weg, den angeheirateten Sohn hat sie mitgenommen. Die von einer verstörten Beamtin ("Sechsunddreißig Semester haben Sie studiert?") errechnete Summe der zu beziehenden Sofortpension (179,20 Euro) ist nicht dazu geeignet, das Gemüt des Teilzeitkunstprofessors Kapielski aufzuhellen, schließlich will eine neue Wohnung bezahlt werden.

Der sonst so fröhliche Kulturpessimist Kapielski wird von Existenzängsten geplagt. Der Alkohol soll nunmehr Sorgen vertreiben, aber so macht das Trinken eigentlich keinen Spaß. Nüchternheit ist die Folge. Das Bangen und Leiden gibt den jüngsten Texten des pointierten Autors eine berührende Komponente, die zwischen den zahlreichen Kalauern bislang eher unterging. Einerseits. Andererseits würde man sich Kapielski wieder öfter an den Biertisch, seinen liebsten Ort der unzensierten Reflexion, wünschen; seine aktuellen Erörterungen über Leben und Kunst in Deutschland haben doch merklich an Schärfe und Prägnanz eingebüßt.

In den Gedanken des der Spießigkeit nie gänzlich abholden Radikalindividualisten macht sich nunmehr immer öfter eine Biederkeit breit, die den hoch fliegenden Gedanken oft ordentlich die Flügel stutzt. Zum Thema "Nachts in der U-Bahn" heißt es da: "Bange Blicke an den Bahnhöfen auf die Einsteigenden. Erleichterte, freundliche Blicke, wenn einer hinzukommt, der so ist wie wir: harmlos." Ist Kapielski, der gemütliche Wüterich wider die politische Korrektheit und Ratgeber in allen wichtigen Fragen, also doch nur einer von uns?

Sebastian Fasthuber in FALTER 47/2004



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