Uncommon Places Amerika. Das Gesamtwerk

Stephen Shore


Mit nur 24 Jahren hatte Stephen Shore bereits eine Ausstellung im Metropolitan Museum hinter sich. Das war 1971 und das erste Mal, dass diese altehrwürdige New Yorker Institution einem Zeitgenossen eine Einzelpräsentation widmete. Im selben Jahr fuhr der Künstler mit dem Auto von New York nach Texas - ein Schlüsselerlebnis für den intellektuellen Städter: "Es war eine Offenbarung", erzählt Shore im Falter-Interview. "Ich kannte Amerikas Küsten und Europa, aber im mittleren Westen traf ich auf eine Kultur, die anders und aufregend war." In der Weite des ländlichen Amerika mit seinen Highways, Motels und Einkaufszentren fand der Künstler sein Thema und schoss jene wunderbaren Farbfotos, die jetzt in der Wiener Akademie der bildenden Künste zu sehen sind.

Shore fotografierte schon als Kind. Mit 14 rief er im Museum of Modern Art an, dessen Fotokurator Edward Steichen ihm schließlich drei Bilder abkaufte. Shores späteres Interesse an Alltagskultur kam nicht von ungefähr. 1965 zeigte der 17-jährige High-School-Abbrecher einen Kurzfilm in der Filmmaker's Cinemateque und lernte dort Andy Warhol kennen. Die folgenden drei Jahre fotografierte er in dessen Factory. Überraschenderweise haben die dort entstandenen Porträts nichts Glamouröses an sich. Sie zeigen leere Räume mit gedankenverlorenen Menschen, die die Zeit aussitzen. Diese Atmosphäre des Stillstands, wie sie für etliche Warhol-Filme typisch ist, kennzeichnet auch Shores spätere Fotoarbeiten.

Von dem ständig über seine Arbeit sprechenden Warhol lernte der junge Shore, was es heißt, künstlerische Entscheidungen zu treffen. Außerdem erschloss ihm der Pop-Artist einen neuen Zugang zur Alltagskultur. "Warhol hatte keine herablassende Haltung gegenüber Populärkultur. Er genoss sie, aber aus einer gewissen Distanz. Er sah Kultur in einem breiteren Zusammenhang - und das ist etwas anderes als Kritik oder Bewunderung." Obwohl Shore bei seiner Metropolitan-Schau mit streng konzeptuellen Schwarz-Weiß-Fotoserien erfolgreich war, kam er bald auf die Beschäftigung mit Alltäglichem zurück. So organisierte er 1971 eine Ausstellung mit dem hintersinnigen Titel "All the meat you can eat". Postkarten, Werbefotos, Porträts, Polizeibilder, pornografische Aufnahmen oder historische Dokumente aus deutschen Konzentrationslagern sollten den Stellenwert von Fotografie in der Gesellschaft beleuchten.

Shore ging es vor allem um eine Aufwertung alltäglicher Bildwelten. Die Farbfotografie war zu dieser Zeit noch künstlerisch tabu. "Vulgär", lautete das abfällige Urteil des berühmten US-Fotografen Walker Evans über die nur für private oder kommerzielle Zwecke erlaubte Buntheit. Dabei experimentierten viele klassische Fotografen - inklusive Evans - mit Farbe, gaben aber schnell wieder auf. "Die Zeit war reif für eine Neubewertung", meint der technisch ungeheuer bewanderte Shore, der schon als Sechsjähriger Familienfotos entwickelte. In jenen Jahren begannen auch andere Fotografen wie William Eggleston damit, Farbfilm künstlerisch zu benützen.

Während einer seiner Fahrten in den Westen beschloss Shore, ein fotografisches Reisetagebuch anzulegen. Ganz im Gestus der Pop-Art tauschte er seine Hasselblad gegen eine Mickey-Mouse-Plastikkamera ein, mit der er sein unspektakuläres Leben on the road festhielt. Die Serie "American Surfaces" enthält damals noch verpönt-banale Sujets wie schmutzige Bettlaken oder eine verdreckte Toilette. "Später wollte ich die Schnappschussästhetik aus den Bildern herausbekommen und sie als sie selbst betrachten", schildert Shore, der schließlich auf das genaue Gegenteil verfiel. Mit der altertümlichen, fernsehergroßen Plattenkamera begann der Künstler die meist menschenleeren Ansichten von Amerika zu produzieren, für die sein Name heute steht.

"Uncommon Places" nennt Shore die ab 1973 in zwanzig Jahren entstandenen Bilder. In dem Titel liegt eine gewisse Ironie, denn rein motivisch halten die Fotos gar nichts Außerordentliches bereit: Straßenkreuzungen, Fast Food, Plastikblumen, anonyme Flachdacharchitektur, Werbeschilder und immer wieder Autos. Die Faszination von Shores Bildern liegt in dem einmaligen Umgang mit Farbe. Im Gegensatz zum intensiven Kolorit bei William Eggleston kommen bei Shore farbige Qualitäten stets nur in Verbindung mit verschiedenen Lichtqualitäten zur Geltung. So fotografierte der Künstler häufig, nachdem es geregnet hatte, und nutzte die Reflexion der nassen Flächen.

Shore lässt Natur und Kultur raffiniert ineinander aufgehen: Ein Regenbogen auf dem Parkplatz vor dem Horseshoe Bend Motel oder das Morgenlicht, wie es in die Fenster des Sugar Bowl Restaurant scheint. In einem anderen Bild spiegeln sich Wolken im Lack geparkter Chevrolets, Lincolns und Buicks. Während im 19. Jahrhundert US-Fotografen wie Timothy O'Sullivan oder William Henry Jackson mit der Plattenkamera noch die Erhabenheit der unberührten Landschaft einfangen wollten, leuchten bei Shore Neon- und Sonnenlicht ebenbürtig. Seine Bilder wirken beiläufig wie "Establishing Shots", die in Filmen den Ort der Handlung markieren. Reminiszenzen lassen aber weniger an Roadmovies wie "Easy Rider" als an Kleinstadtdramen wie "The Last Picture Show" denken: Die Fotos verströmen eher Phlegma denn das Motto "Let's get out of here".

Die aufwendige Technik der Großformatkamera und die Kostspieligkeit von Farbfilm verlangten eine sorgfältige Planung jedes Bildes. Um ein Schnappschusssujet wie Pancakes am Frühstückstisch zu fotografieren, musste Shore auf einen Stuhl steigen, und die Palatschinken wurden aufgrund der langen Belichtungszeiten kalt. Die Fotos zeigen auch deswegen so wenig Leute, weil Bewegung zu Unschärfe geführt hätte. Dafür kommt Architektur umso besser zur Geltung. Shores lose Bildserien halten Typologisches fest und liefern so etwas wie ein Kompendium zur eigenwilligen baulichen Kultur des mittleren Westens.

"Diese Roadmovie-Erfahrung haben Europäer nicht", meint Shore, der auch deutsche Fotografen wie Andreas Gursky und Thomas Struth beeinflusst hat. "Natürlich gibt es die Autobahn. Aber das ist nicht dasselbe, wie in einen Wagen zu steigen und Tausende Meilen nur durch Ebenen mit nur hie und da einem kleinen Dorf zu fahren." In New York hätte er nie ein Auto gehabt. "Ich liebte es zu fahren", schwärmt der höflich-reservierte Fotograf, den man sich so gar nicht mit dem Ellbogen aus dem Autofenster vorstellen kann. "Wenn stundenlang der Highway an einem vorbeizieht, entsteht nach einigen Tagen eine sehr klare Geistesverfassung." Vielleicht ist es diese luzide Aufgeräumtheit, diese ausgewogene Mischung aus Faszination und Distanz, die Shores Bilder so einmalig macht.

Nicole Scheyerer in FALTER 47/2004



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