Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland

Alexander Jakowlew


Alexander Jakowlew, einstiger Gorbatschow-Mitstreiter, geißelt die brutalen Revolutionäre, kritisiert Wladimir Putins autoritären Kurs und rechnet mit dem Bolschewismus ab wie kein anderer hoher Ex-KPdSU-Funktionär zuvor.

Als Sohn armer Bauern machte Alexander Jakowlew eine steile Karriere in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Doch bereits 1972 fiel er, damals Chef der Propagandaabteilung der Partei, in Ungnade. Weil er den russischen Chauvinismus und Antisemitismus anprangerte, wurde er auf den Botschafterposten in Kanada abgeschoben. Doch mit dem Machtantritt des Reformers Michail Gorbatschow stieg er zum mächtigen Politbüromitglied auf und avancierte zum intellektuellen Vordenker von Glasnost und Perestroika. Damals erwarb sich Jakowlew den Ruf als "Gorbatschows Gehirn". In einem gerade erschienenen bewegenden Buch rechnet er nun mit der gesamten Geschichte des Bolschewismus ab: Hätten die antibolschewistischen Armeen nach der Oktoberrevolution den Bürgerkrieg gewonnen, wäre das für Russland ein Segen gewesen, urteilt Jakowlew. Vergangene Woche stellte der Autor sein Buch auf Einladung der Stadt Wien, des Kreisky-Forums und des Österreichischen Instituts für Internationale Politik in Wien vor.

Falter: Herr Jakowlew, Sie haben in der KPdSU eine steile Karriere gemacht. Wann hat sich bei Ihnen die Überzeugung herausgebildet, dass Russland auf dem falschen Weg ist?

Alexander Jakowlew: Sie werden es mir nicht glauben: Ich weiß es nicht. Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Es war eine Entwicklung, die schon im Krieg begann. Ich war damals 18 Jahre alt. Junge Burschen wurden an der Front wegen nichts erschossen, weil jemand etwas Nachteiliges über sie gesagt hatte. Ganze Dörfer wurden niedergemacht. Da hörte ich erste, kleine Glöckchen des Zweifels erklingen.

Falter: Die haben sich dann verstärkt?

Alexander Jakowlew: Ein Einschnitt war der zwanzigste Parteitag der KPdSU. Nikita Chrustschow hat das Denkmal Stalins zertrümmert. Es war ein Schock, zu hören, dass Stalin nicht der große Vater unseres Volkes war, sondern ein Mörder. Ich habe das Zentralkomitee verlassen und bin an die Akademie der Wissenschaften gegangen, habe mich erstmals ernsthaft mit dem Marxismus beschäftigt. Ich habe Marx und Engels und Lenin gelesen, aber auch Kant und sozialdemokratische Kommunismuskritiker wie Eduard Bernstein. Der Marxismus erschien mir zunehmend irreal, dass Gewalt und Revolutionen die "Lokomotive der Geschichte" sein sollten, hat mich abgeschreckt.

Falter: Gab es einen Schlüsselmoment?

Alexander Jakowlew: Nein. Aber irgendwann dämmerte mir, dass ich nie eigene Meinungen hatte - nur die Meinungen von Marx, die Meinungen Lenins. Die gesamte Parteispitze hat geborgte Meinungen gewohnheitsmäßig vertreten.

Falter: Sie haben sich nicht bloß vom Stalinismus losgesagt?

Alexander Jakowlew: Lenin war ein Terrorist. Die Oktoberrevolution war eine Konterrevolution. Aber noch immer verehrt man in Russland die Henker. Noch immer gelten die "weißen Armeen", die im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft haben, als Verräter, werden Leute wie Aleksandr Koltschak, Aleksandr Kerenski, Anton Denikin nicht angemessen gewürdigt. Die Bolschewiki haben Russland zerstört.

Falter: Wenn die antibolschewistischen Armeen den Bürgerkrieg gewonnen hätten, der auf die Oktoberrevolution folgte, wäre das besser gewesen?

Alexander Jakowlew: Sicher. Kann ein vernünftiger Mensch daran zweifeln? Es war eine Tragödie, dass Lenin und die Bolschewiki den Bürgerkrieg gewonnen haben.

Falter: Nicht wenige klammern sich daran, dass Lenin ein Idealist war, der allenfalls von den Umständen zu übertriebener Härte gezwungen wurde, wohingegen nur Stalin als der üble Despot gesehen wird.

Alexander Jakowlew: Lenin hat das Land mit Gewalt und Terror überzogen. Geiselnahmen, Massenerschießungen - das hat alles er eingeführt. Stalin hat in seiner Laufbahn einen einzigen wahren Satz gesagt: "Ich bin nur ein treuer Schüler Lenins." Damit hatte er Recht.

Falter: Aber der Krieg wurde von beiden Seiten brutal geführt. Das muss doch noch nicht heißen, dass Lenin blutrünstig war.

Alexander Jakowlew: Er hat den Krieg gegen den Imperialismus gepredigt. Auf beiden Seiten sind im Bürgerkrieg rund 13 Millionen Menschen ums Leben gekommen, über 5 Millionen sind an Hunger gestorben. Lenin war nur an der Macht interessiert und an der Weltrevolution. Er war selbst ein Imperialist. Während sein Volk verhungerte, hat er die kommunistischen Parteien im Westen finanziert - mit mehr als 800 Millionen Goldrubel zwischen 1918 und 1922.

Falter: Der Kommunismus war eigentlich getragen von der Idee der Menschheitsbefreiung. Doch während er "die Menschwerdung des Menschen" verkündete, ließ Lenin Millionen erschießen, ohne ein Gefühl für die Leiden der Menschen. Wie ging das zusammen? War Lenin verrückt?

Alexander Jakowlew: Ich weiß nicht, ob er wahnsinnig war, aber ein Paranoiker war er ganz sicher. Ein gesunder Mensch kann gar nicht dauernd Befehle geben, die lauten: "sofort aufhängen", "sofort erschießen". Bauern, die den Schnee nicht weggeräumt hatten, ließ er hinrichten. Kann ein normaler Mensch solche Beschlüsse fassen? Pol Pot, Hitler, Lenin, Stalin, das waren auch kranke Menschen. Ich war auch an der Macht, ich hatte Macht, die von niemandem mehr kontrolliert wurde. Ich weiß, wie schrecklich es ist, über das Schicksal anderer zu entscheiden. Das ist ein Gefühl, das krank macht.

Falter: Sind Sie da manchmal über sich selbst erschrocken?

Alexander Jakowlew: Oft habe ich mich gefragt: Wer hat mir diese Macht gegeben? Wenn mir die Partei eine solche Macht gibt, dann stimmt mit der Partei etwas nicht, wenn das Land mir solche Macht gibt, dann stimmt etwas mit dem Land nicht. Ich habe das Amt des Generalsekretärs abgelehnt, ich bin freiwillig aus dem Politbüro ausgetreten. Wenn ich das heute irgendeinem Staatspräsidenten oder Premierminister erzähle, dann sagt der: "So ein Idiot."

Falter: Im Westen gilt der Bolschewismus immer noch als Produkt der Unterentwicklung Russlands. Sie zeigen nun, dass das 20. Jahrhundert in Wahrheit viel versprechend für Russland begann. Der Analphabetismus wurde zurückgedrängt, die Wirtschaft entwickelte sich, demokratische Freiheiten setzten sich durch - bis das von den Bolschewiki zerstört wurde.

Alexander Jakowlew: Nachdem die Leibeigenschaft im 19. Jahrhundert aufgehoben wurde, begann die industrielle Revolution. Russland war kein einfaches Agrarland mehr. Ein städtisches Bürgertum entwickelte sich, es hatte den Zeitgeist auf seiner Seite. Im Oktober 1905 wurden die politischen Freiheiten erklärt, Russland hatte eine erste Verfassung. Aber Russland hat diese Freiheit erschreckt. Es gab Korruption, Unruhe. Mit der Februarrevolution 1917 setzte sich die demokratische Freiheit durch. Aber Russland wusste mit der Freiheit wieder nichts anzufangen. Lenin nützte das aus. Russland hat seinen Putsch hingenommen und seinem Terrorregime sogar noch applaudiert. Als wir in den Achtzigerjahren wieder eine demokratische Revolution begannen, waren wir mit den gleichen Problemen konfrontiert wie unsere Vorgänger. Sie sehen also: Das Einzige, womit die Russen nicht fertig werden, ist die Freiheit. Warum? Ich weiß nicht.

Falter: Sie beschreiben, wie siebzig Jahre Bolschewismus das Land verwüstet haben. Es gab ja nicht nur Millionen Tote, das Land wurde moralisch, geistig zerstört. Die Intelligenz, die Bauern, das Bürgertum, die Juden - vertrieben, ausgelöscht. Gibt es angesichts dieser Misere überhaupt eine Chance für die Demokratie?

Alexander Jakowlew: Ich hoffe doch. Unsere neue Nomenklatur würde die Zeit gerne zurückdrehen, aber das wird nicht gelingen. Ein Zurück zu den Lagern, den Gulags, den Imperialismus gibt es nicht.

Falter: In Europa herrscht Unsicherheit, wie Präsident Putin zu beurteilen ist. Die einen meinen, er etabliere ein neues autoritäres Regime, die andern sagen, er ist einfach das logische Produkt der russischen Misere: Russland ist eben so. Was meinen Sie?

Alexander Jakowlew: Er ist mehr als ein Symptom. Niemand zwang ihn, die Wahl der Gouverneure abzuschaffen. Natürlich waren diese Wahlen nicht gerade glänzende demokratische Übungen - aber warum den Leuten das Wahlrecht nehmen? Das war keineswegs notwendig. Warum unterstützt er die Partei "Vereintes Russland"? Warum liquidiert er die Opposition? Sicherlich kann man fragen: Drückt er laute Stimmungen im Land aus? Ja, das tut er. Aber es zwingt ihn doch niemand, der Exekutor der Massenstimmungen zu sein und dauernd die niedrigsten Instinkte zu bedienen.

Falter: Sollte der Westen ihn, auch in Hinblick auf den Tschetschenienkrieg, stärker kritisieren?

Alexander Jakowlew: Ich glaube, im Fall des Tschetschenienkriegs hätte Kritik wenig Sinn. Russland ist wegen des Zerfalls der Sowjetunion sehr sensibel, was den Verlust von Territorium betrifft. Russland reagiert fast beleidigt. Der Krieg begann als verbrecherischer Krieg. Mittlerweile ist aber alles so verfahren, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Klar: Dieser Krieg ist eine Schande. Man muss ihn beenden. Aber man muss auch verstehen: Wenn sich Kalifornien von den USA lossagen wollte, würde auch die US-Regierung Truppen schicken.

Falter: Wenn sich Chauvinismus und die Abspaltungsgelüste eines gepeinigten Volkes gegenüberstehen, mit allen Irrationalitäten und Überreaktionen, die das auslöst, dann ist eine gewaltsame Lösung doch unmöglich.

Alexander Jakowlew: Natürlich. Und es gibt genügend imperialistische Stimmungen in Russland. Aber ich glaube auch, in der nächsten Generation wird das schon anders sein. In unserer Generation sind die Leute noch nicht von den Barrikaden heruntergekommen.

Robert Misik in FALTER 47/2004



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